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Zu Gast bei Feinden

Wolfgang Büscher: Hartland. Zu Fuß durch Amerika. Rowohlt, Reinbek 2011, 304 Seiten, 19,95 Euro

Die Straße, der Wind, die Leere. Aus dem Winter in den Sommer. Das hätte den Stoff für ein großes literarisches Roadmovie abgeben können, ein neues On the road, das die zahllosen Amerikabeschreibungen überragen würde. Daß der Journalist Wolfgang Büscher das Zeug dazu hat, hat er mit den Berichten von seinen Wanderungen nach Rußland und um Deutschland herum gezeigt. Stilistisch ist er meisterhaft, ein Seume des 21. Jahrhunderts, eine alteuropäische Edelfeder – aber leider vollbepackt mit Vorurteilen. Glaubt man seinem neuen Reisebuch Hartland, kommt man in die USA schwerer hinein als nach Nordkorea. Amerika ist böse, militaristisch, nationalistisch, bigott und fundamentalistisch, seine Bürger sind fett, das Essen ist Müll, alles ist Oberfläche, ist Hollywood, Arme werden sich selbst überlassen, die Indianer fertiggemacht, die Bisons ausgerottet. Die Stereotype sind Legion. Meist läßt sich Büscher nur seine Vorurteile bestätigen. Selten öffnet er sich dem, was er sieht. So bleibt er seinem Beschreibungsgegenstand fern.

Büscher durchwandert Amerika in der Mitte von Nord nach Süd, 3.500 Kilometer entlang der Route 77 durch die Great Plains, altes Indianerland. Im Reisegepäck hat er die Inspirationsquelle Karl Mays, den Bericht des Prinzen zu Wied und Neuwied, blaues deutsches Blut, das im Jahr 1833 Indianerland bereist und die Welt der Ureinwohner beschreibt. Dem »Forscher auf eigene Rechnung und Gefahr« ist eher zu trauen, deutet Büscher an, als den als Amerika-Gründer verehrten Lewis und Clark. Ihnen wirft der moderne Entdecker vor, daß sie 30 Jahre vorher das Land im Sinne des amerikanischen Frontier-Imperialismus zur Übernahme durch die Siedlertracks vorbereitet haben. Indianerromantik pur. Es freut den deutschen Buchautor klammheimlich zu erleben, wie in einem Indianerkasino die fetten weißen Zocker ausgenommen werden. Kaum zu glauben, daß er auch auf Amerikaner trifft, an denen er positive Seiten hervorheben kann. Doch stets muß ein Vorbehalt bleiben. In einer Themenkneipe wird Büscher mit Hunderten Fotos aus dem Luftkrieg gegen Deutschland konfrontiert, die der Vater des Wirts aus dem Zweiten Weltkrieg mitgebracht hat: »Bomber über Feldern. Es waren deutsche, es waren unsere Felder. Ich war hier der falsche Gast.«

Bei der Heimreise vom JFK-Airport warten zwei Deutsche auf den Abflug und werden ständig vertröstet, ohne daß sich etwas tut. »Hier am Fenster standen zwei aus der Nation genialer Ingenieure und schauten der Nation genialer Verkäufer dabei zu, wie sie es hinkriegten, uns bei Laune zu halten, ohne daß etwas funktionierte als der Lautsprecher. Wir bauten Maschinen, einige der besten der Welt. Sie aber verkauften Träume, die erfolgreichsten der Welt.« Vielleicht hätte der nicht ganz so geniale Märchenerfinder Büscher mal die Zahl der wissenschaftlichen Nobelpreisträger nach Ländern googeln sollen: Deutschland 65, Großbritannien 75, USA 228 (Stand 2006). Hoffentlich schickt ihn der Verlag nicht als nächstes nach England.

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