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Das Holzmedium LITERATUR KONKRET 2010/2011 widmet sich ganz dem digitalen Zeitalter.

"The web is dead. Long live the internet", titelte jüngst "Wired", das amerikanische Printmagazin, das Printverächter am liebsten lesen. Der Befund: Der Kapitalismus - Googlekraten und andere Turbounternehmer - eignet sich mehr und mehr den freien Raum des World Wide Webs an, um ihn seinen Interessen, Kontrollmechanismen und der Vormachtstellung des Marktes zu unterwerfen. Die Offenheit des WWW weiche der Geschlossenheit von Plattformen wie Facebook; die Nutzer legen sich, etwa durch Apps, die sie sich aufs I-Pad oder I-Phone herunterladen, selbst Beschränkungen auf.

Droht also die digitale Diktatur, oder ist das Internet, wie es linke Technikeuphoriker sehen, der Weg zur großen Freiheit oder gar zum World Wide Widerstand? Literatur Konkret widmet anno 2010 ein ganzes Heft im alten Holzmedium dem vermeintlich todgeweihten neuen Medium und diskutiert das Thema durchaus kontrovers. Webdooffinder wie die Pfründewahrer des Printjournalismus, die "Edelfedern" des deutschen Feuilletons, kriegen hier ebenso ihr Fett weg wie ihre Gegner: die 2.0er-Nullen, "die, um nur ja nicht in den Verdacht des Kulturpessimismus zu geraten, jede technische Neuerung als wichtigen Schritt auf dem Weg zur Kulturrevolution abfeiern und noch die evidentesten Verblödungssymptome als Ausdruck aufgeklärten Massenbewußtseins zu deuten wissen" (Magnus Klaue, S. 12). Während Holm Friebe, Geschäftsführer der sagenumwobenen Zentralen Intelligenz Agentur, in seinem Beitrag (S. 9) das Arbeitsmodell der digitalen Boheme verteidigt, der er zusammen mit Sascha Lobo ihren Namen gegeben hat, formuliert Erwin Riess in seiner Erzählung mit Karl Kraus "Groll gegen die digitale Welt" (S. 19).

Die vielbeschworene Internetdemokratie (S. 4) indes beschränkt sich zum Beispiel bei der Nasa derzeit darauf, daß die Erdlinge online darüber abstimmen dürfen, mit welcher Musik die Astronauten bei der letzten Space-Shuttle-Mission geweckt werden sollen. Bei Literatur Konkret entscheidet "das Volk" nicht mal über die Illustration: Die Screenshots im Innenteil geben einen Einblick in die Geschichte der Computerspiele von anno dunnemals bis heute - ein Zeitvertreib, der übrigens konzentrationsfördernd wirken soll (S. 15) und also auch dem aufmerksamkeitsdefizitären "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher zu empfehlen wäre. (Der geriert sich aber lieber als Kopfcoach der Nation und gibt im November ein Buch mit Gehirntrainingsübungen heraus.)

Wie gewohnt wirft die Redaktion neben ausgewählten KONKRET-Texten auch zwei Beiträge aus Literatur Konkret der geneigten Onlinegemeinde via Homepage, Facebook ( www.facebook.com/konkretmagazin) und Twitter (http://twitter.com/konkretmagazin) zum Fraß vor und freut sich auf eine rege Diskussion. Wer mehr will, muß sich dem taktilen Reiz des Seitenumblätterns und dem Charme des untoten Holzmediums hingeben - zumindest, bis KONKRET als E-Ausgabe erhältlich sein wird (wir arbeiten dran).

PS: Sie vermissen in der Literaturbeilage zur Frankfurter Buchmesse eine Rezension des neuen Grass (garantiert nicht als E-Book erhältlich)? Der ist uns alle Jahre wieder wert, ignoriert zu werden (vgl. Literatur Konkret 2008).

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