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Nicht nur heiße Luft

Fritz Tietz berichtet:

Klimaretten leicht gemacht - Ratgeberautoren verraten, wie's geht

Puh, das war knapp. Aber wegen des weltweit dräuenden Klimaalarms muß man sich nun keine Sorgen mehr machen. Christiane Paul sei Dank. Im letzten Herbst noch hatte die halbwegs berühmte Schauspielerin einige schlaflose Nächte deshalb. Dann aber fiel ihr zum Glück ein, wie Klimaretten geht. In einem zwei "Taz"-Seiten langen Interview gab sie neulich die entscheidenden Hinweise. Hier nur mal die drei entscheidendsten: 1. Nicht mehr dauernd privat nach Düsseldorf fliegen. 2. Wieder mehr Pfandflaschen benutzen. 3. Keine Tomaten oder Gurken außerhalb der Saison essen. Damit aber nicht genug: "Wir diskutieren auch," so Frau Paul, "ob wir in der Woche zweimal Wurst kaufen sollten. Und manchmal verzichten wir dann eben auf das zweite Mal." Fürwahr, so kann es klappen. Mit etwas Verzicht und Spucke wird das aus den Fugen geratene Weltwetter wieder gekittet.

Auch andere deutsche Halb- und Viertelprominente werben derzeit verstärkt für den ganz privaten Klimaschutz. In mal mehr, meistens jedoch eher weniger genießbaren Kampagnen versuchen sie dem mehrheitlich immer noch ungebremst Ressourcen und Feinstaub verschleudernden deutschen Mob zu signalisieren: Hey! Hallo! Klima schützen! Hippe Sache das! Eine Frage bloß noch von ein paar weltumspannenden Popkonzerten, geistig eher unterklimatisierten TV-Aktionen (wie "CO2NTRA" auf Pro Sieben) sowie einigen in "Max", "Brigitte" oder "Vanity Fair" endgelagerten Promistatements und ganz Deutschland ist bald aktiv beim Klimaschutz dabei. Recht so! Es geht schließlich um die Wurst ... pardon, die Welt.

Wem jedoch so schlichte Wurstspartips wie die der Frau Paul als ein zu dünner Aufschnitt erscheinen, um die Welt vor dem angekündigten Klimakollaps zu retten, der muß nach dickeren Schwarten greifen. Im aktuellen Bücherherbst ist das kein Problem. Gut möglich sogar, daß der diesjährige CO2-Ausstoß einiger Druckereien vor allem der immensen Menge an Klimatiteln zugeschrieben werden muß, die sie gerade raushauten. Unmöglich, den Stapel in Gänze zu sichten, haben wir der zufälligen Auswahl halber eben dreimal blindlings in ihn reingeschossen.

Treffer Nummer 1: Die Klima-Revolution von Rudi Anschober und Petra Ramsauer. So retten wir die Welt heißt es bescheiden im Untertitel dieses Buchs, dessen Inhalt - das muß hier unbedingt erwähnt werden - "auf einem nach den Richtlinien des Forest Stewardship Council zertifizierten Papier der Papierfabrik Munkedal gedruckt" wurde. Vor ihre Rettung haben die beiden Klimarevolutionäre allerdings die Beschreibung der gegenwärtigen Welt gesetzt mitsamt allen nur denk- und unvorstellbaren Kapriolen, die ihr die Klimakatastrophe bisher bescherte und noch bescheren wird. Anschober und Ramsauer erledigen dies mit einer nahezu apokalyptisch anmutenden Gründlichkeit. Schon nach einer kurzen Lektüre ihrer Ausführungen möchte man am liebsten alles hinschmeißen und die eben noch zart glimmende Flinte namens Zuversicht ins Resignation genannte Korn pfeffern, derart düster-detailliert wird hier der desaströse Zustand des irdischen Klimas beunkt. Da versinken Gletscher im Pazifik und schmelzen Südseeatolle, peitschen Hitzewellen über die hurrikanzerfressenen Pole und wird der amazonische Regenwald von gigantischen Hochwasserwindhosen heimgesucht - so oder jedenfalls so ähnlich schrecklich geht das da in einer, von manch aussagefürchterlichem Zacken- oder Tortendiagramm auch noch zusätzlich unterstützten Tour. Die eingestreuten Frontberichte aus den gegenwärtigen Klimakatastrophengebieten (Darfur, Tundra, Eismeer) nicht zu vergessen. Wohl dem, der nach diesen gewiß nicht unrealistischen (und deshalb ja so niederschmetternden) Schilderungen noch die Kraft hat, die von den Autoren avisierten hundert Schritte zur Klimarettung zu studieren. Und diese zu gehen vor allem. Denn auch da wird dem Leser mitunter Unmenschliches abverlangt. Auto auch mal stehenlassen zum Beispiel (Schritt Nummer 72). Und freiwillige Strafsteuer zahlen, wenn man doch fährt (Nummer 99).

Zweiter Treffer: Der Klima-Knigge von Rainer Grießhammer. Wie schon sein Untertitel (Energie sparen, Kosten senken, Klima schützen) vermuten läßt, eher ein ökologischer Ratgeber, der aber auch ein umweltpolitischer Aufklärer sein will, wie Autor Grießhammer mit Verweis auf die Person des Titelnamenspenders und dessen Verdienste andeutet. Wer den Klima-Knigge liest, tut dies mit Gewinn, verspricht Grießhammer. Falls er damit solches Wissen meint, wonach "die Wintertourismusbranche unterhalb von 1.000 Metern künftig keine rechte Perspektive mehr hat oder der Computerfreak mit einer Flatrate und als Avatar in der Second World so viel CO2-Emissionen verursacht wie ein Brasilianer in seinem realen Leben", verspricht er da sicher nicht zu viel. Den Umschlag seines Knigges, dessen Papier - so viel Zeit muß auch hier sein - "aus vorbildlich bewirtschafteten Wäldern und anderen kontrollierten Herkünften" stammt, ziert übrigens kein Bildnis jenes Freiherrn Knigge, sondern bloß das eines namenlosen Pinguins, der in einem Kühlschrank steht. Wer diese Symbolik nicht auf Anhieb versteht, bekommt sie vom Autor im Buch launig dargelegt. Wie überhaupt Grießhammer sehr darum bemüht ist, die natürliche Ödnis des leidigen Themas durch einige stilistische Lässigkeiten in eine Lockerness zu kleiden, die in ihrem verbreiteten Schmunzeltum zwar manchmal etwas nervt, unterm Strich aber den wenig erfreulichen Stoff weitaus lesbarer macht als das beim durchgehenden Klimaalarmismus der Anschobers und Ramsauers der Fall ist.

Der dritte Treffer schließlich heißt Einfach das Klima verändern, was zwar an den berühmten Welthungerhilfe-Titel von "Titanic" erinnert ("Hungerproblem gelöst! Einfach mehr spachteln!"), aber bestimmt nicht satirisch gemeint ist. Eher im Gegenteil. Mit ihrer bunt bebilderten Kladde wollen Regina Carstensen und Michael Hoffer 50 kleine Ideen mit großer Wirkung unter die Leserschaft streuen. Die Autoren - deren 50 Aktionsvorschläge übrigens "auf Nine Lives 55 Papier aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern" gedruckt wurden - wenden sich damit an alle, die dem Bekenntnis zum Klimaschutz nicht mehr nur heiße Luft, sondern endlich Taten folgen lassen wollen. Zumal das ganz einfach geht, wie die Autoren versichern. Und Spaß macht es sowieso: "Dann kriegen Sie es auch hin, Ihre Freunde und Nachbarn zu motivieren." Aber bestimmt nicht durch einen massiven "Klingelalarm", wie Idee 17 überschrieben ist. Danach soll man daheim an jede Haustür klopfen (!), "um mit den Nachbarn über eine gemeinschaftliche Nutzung von Fahrzeugen zu reden". Von wegen, ganz einfach. Der durchgeknallten Vettel aus dem Erdgeschoß anbieten, den noch lange nicht abbezahlten Familienvolvo mitzunutzen? Und was daran Spaß machen soll, den schwanzgesteuerten Psychopathen aus dem vierten Stock zu fragen, ob man gelegentlich mal seinen Porsche ausleihen könne, bleibt ein gleichfalls ungelüftetes Geheimnis der beiden Klimaveränderer. Da hilft auch keine kurze und kräftige Stoßlüftung (Idee 28).

Rudi Anschober/Petra Ramsauer: Die Klima-Revolution. So retten wir die Welt. Deuticke, Wien 2007, 224 Seiten, 17,90 Euro

Rainer Grießhammer: Der Klima-Knigge. Energie sparen, Kosten senken, Klima schützen. Booklett, Berlin 2007, 192 Seiten, 16,90 Euro

Regina Carstensen/Michael Hoffer: Einfach das Klima verändern. 50 kleine Ideen mit großer Wirkung. Pendo, München/Zürich 2007; 100 Seiten, 9,90 Euro

Fritz Tietz wies in KONKRET 8/07 auf die lustigste Hartz-IV-Panne hin

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