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Auswüchse

Die neusten Beiträge zur Kapitalismusdebatte - von Felix Klopotek

"Die These des Buchs ist, daß tatsächlich etwas Grundlegendes in Bewegung geraten ist."

Georg Franck

Grundbedingung der sogenannten Kapitalismusdebatte ist eine fundamentale Eitelkeit ihrer Teilnehmer. Alle, vom Feuilletonchef bis zum Edelsoziologen, bilden sich mächtig was auf ihren Standpunkt ein und weisen, selbst höchst erstaunt und nahe der Grenze zur Verzweiflung, auf Phänomene des Kapitalismus hin ("Auswüchse"), die für Marx Anlaß, nicht Endpunkt, des Nachdenkens waren.

Selbstverständlich taucht Marx in der Kapitalismusdebatte auf, aber eigentümlich verkehrt: Die Kritik als Ganzes wird zum Theorietypus degradiert, der seinen Platz im 19. Jahrhundert hat. Einzelne Texte, eher Passagen, werden dagegen so behandelt, als hätte Marx hier - und nur hier - für alle Zeiten gültige Wahrheiten formuliert: Marx ist ein toter Hund, aber jeder liebt die einschlägigen Passagen des Manifestes. Es verhält sich natürlich umgekehrt: Nur wer die Marxsche Kritik als Ganzes ernst nimmt (und mit ihr Ernst machen will), kann die einzelnen Texte historisieren und beispielsweise das Verhältnis vom Manifest zum Kapital bestimmen oder das vom Manifest zur revolutionären Bewegung der damaligen Zeit.

Daß die Kapitalismustheoretiker Marx als entfernten, reichlich verschrobenen Verwandten ansehen, läßt sie selbst verschroben werden. Irgendwas ahnen sie, eben: Etwas Grundlegendes ist in Bewegung geraten. Sie kriegen auch was zu fassen, tragen erfreulich viel empirisches Material zusammen (Richard Sennett) oder versuchen sich an einer Neufassung des Begriffs gesellschaftlicher Totalität (Georg Franck). Aber sie kriegen ihr Material nicht in den Griff und verhauen schon die einfachsten Grundbestimmungen.

Richard Sennett, aus Chicago stammender Professor für Soziologie und Geschichte an der London School of Economics, beginnt mit der Bürokratiekritik, die die Neue Linke in den sechziger Jahren an den Großinstitutionen des Westen und Ostens geübt hat. Mittlerweile sei diese Kritik verwirklicht, aber auf perverse Art: Den Osten gibt es nicht mehr, und die Zerschlagung der Institutionen im Westen (er nennt: "stabile Gewerkschaften, Großunternehmen und relativ festgefügte Märkte") hat das Ende des Sozialstaates bewirkt. Die Wirklichkeit heute sei fragmentiert und von Zerfall gekennzeichnet: "Der Arbeitsplatz ähnelt eher einem Bahnhof als einem Dorf." Dabei hatte die Arbeitswirklichkeit im Kapitalismus schon vor 150 Jahren nichts Dörfliches mehr.

Oder: "Die Anforderungen der Arbeit haben eine Desorientierung des Familienlebens mit sich gebracht." Der Kapitalismus hat von Anfang an das Familienleben desorientiert. "Und die Migration ist die Ikone des Globalisierungszeitalters, das uns drängt, weiterzuziehen statt uns niederzulassen." Die USA sind seit jeher ein Einwanderungsland; die Hälfte aller im Ruhrpott lebenden Menschen haben einen polnischen Nachnamen. Migration im kapitalistischen Sinne gibt es seit der ursprünglichen Akkumulation.

Sennett fehlt nahezu jedes dialektische Gespür: Es gibt das Weiterziehen, manifestiert in der Tatsache, daß erstmals in der Geschichte der Menschheit mehr Menschen in Städten als auf dem Land wohnen. Es gibt aber auch ein Niederlassen. Der rasante Entstehungsprozeß der Megacitys, deren Einwohnerzahl die 20-Millionen-Marke übersteigt, belegt genau das. Er beklagt zerfallende Institutionen und zerfallende Kulturen - und übersieht, daß auch neue Institutionen und Kulturen entstehen: Die Leute gehen nicht mehr in Gewerkschaften, dafür laufen sie auf Kirchentage und in Moscheen.

Sennett klagt: "Die in Entstehung begriffene neue Sozialordnung (der ›neue Kapitalismus‹; F. K.) kämpft gegen das Ideal einer handwerklichen Einstellung, bei der es darum geht, eine Sache optimal zu beherrschen", und heraus kommt Bullshit. Denn noch die stumpfeste Tätigkeit, die repetitiven Teilarbeiten (vulgo: Fließbandarbeit) setzen ein Mindestmaß an Perfektion, Geschick, Bewältigungs- und Beherrschungswillen voraus. Sennett entwirft ein Bild der Lohnabhängigen, in dem diese völlig dem Kapital ausgeliefert sind (was sie nicht sind, auch der "friedlichste" Kapitalismus funktioniert nie ohne ein Minimum an Gegenwehr). Wo alle Opfer sind, bleibt nach Sennett einzig ein wohltätiges Abmildern der Wucht des neuen Kapitalismus. Heraus kommt die Kultur des neuen Sozialdemokratismus.

Georg Franck, Professor für computergestützte Architektur an der Technischen Universität Wien, tastet sich, um seine These von der Ökonomisierung der Kultur, einer "Ökonomie, die zur kulturellen Produktion nicht hinzukommt, sondern dem Leben der Kultur inhärent ist", abzusichern und tiefer zu legen, an einen allgemeinen Kapitalismusbegriff heran. Aber was soll man damit anfangen? "Kapitalistisch ist diejenige Konstellation von Eigentumsverhältnissen, Produktionstechniken und Distributionskanälen, die der ökonomischen Durchrationalisierung freie Bahn bricht." Auch der Kommunismus wird ökonomisch durchrationalisiert sein, es kommt halt auf die Form an. "Mit kapitalistischen Verhältnissen entstehen Reichtümer in neuen Größenordnungen, wird die Mehrung des Reichtums zum universellen Maßstab der Produktivität." Wieder falsch, schon die alten Römer schufen Reichtümer in neuen, nie dagewesenen Größenordnungen. Dagegen Marx: "Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ›ungeheure Warensammlung‹, die einzelne Ware als seine Elementarform", wer so anfängt, hat bereits die spezifische Reichtumsproduktion im Blick: Reichtum - produziert unter dem Gesichtspunkt der Verwertung. Um Reichtum schlechthin kann es bei der Analyse des Kapitalismus nicht gehen.

Franck muß seine Bestimmung des Kapitalismus enthistorisieren und damit frei von Kritik machen, denn sonst würde sich seine These von der Ökonomisierung der Kultur zu einer Kritik der Kulturindustrie auswachsen. Die gab es schon mal, und sie gilt heute als überholt. "Man macht es sich zu einfach, wenn man den neuen Universalismus (den Gleichtakt von Kultur und Ökonomie; F. K.) mit Käuflichkeit und Dienst am Profit gleichsetzt." Noch mal Glück gehabt.

Und weiter: "Ein wesentlicher Bestandteil der globalisierten westlichen Kultur ist die Wissenschaft. Deren Erfolgsrezept liegt in der Autonomie des Forschungsbetriebes. Ihr Stil konnte sich weltweit durchsetzen. Weil ihr die Emanzipation von der sowohl politischen als auch wirtschaftlichen Dienstbarkeit gelang." Als gäbe es "die Wissenschaft" als neutralen Prozeß außerhalb des Arbeits- und Verwertungsprozesses, als hätte sich die "Autonomie des Forschungsbetriebes" ohne Abhängigkeit von imperialistischen Interessen und Dynamiken durchsetzen können.

Man kann die Bücher von Sennett und Franck auch so zusammenfassen: Der Kapitalismus ist eine merkwürdige Veranstaltung. Er hat gerade mal wieder einen Zahn zugelegt und erfaßt gesellschaftliche Bereiche, die der Soziologe irgendwie autonom und auch ein bißchen idyllisch empfunden hat. Wir können nicht viel dagegen machen. Es wird ungemütlicher. Es wird aber auch nicht ganz schlecht. Geht man nach Sennett und Franck, dann ist die Geschichte noch nicht zu Ende, aber das Ende, das sie nehmen wird, wird ein kapitalistisches sein.

Richard Sennett: Die Kultur des neuen Kapitalismus. Berlin Verlag, Berlin 2005, 160 Seiten, 18 Euro

Georg Franck: Mentaler Kapitalismus. Hanser, München 2005, 288 Seiten, 23,50 Euro

Felix Klopotek schrieb in KONKRET 9/05

über die CD "I can't relax in Deutschland"

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