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Idyllen und Ikonen

Aus dem fotografischen Gedächtnis eines untergegangenen Reiches - von Georg Seeßlen

Als ich noch nicht in der Lage war, auf eigene Faust zu reisen, liebte ich Geschichten von untergegangenen Reichen. Atlantis, Pompeji, Rom. Damals war das deutsche Reich gerade perdu. Ist es nicht tröstlich, daß alle Reiche irgendwann untergehen? Manchmal genügt dazu ein Kerl wie Maciste, der eigentlich nur seine Frau suchte, dann drehte er ein paar Löwen den Hals um, sprengte ein paar Ketten, und aus war es mit dem Reich. Irgendwas Vitaleres, Barbarisches kommt vor dem Untergang eines Reiches, so steht's in den Geschichtsbüchern. Allerdings: Der Untergang scheint weder einem bestimmten Muster zu folgen, noch taugt er als nachgeschobene Metapher. Nur die Fiktionen tun das. Und die Erinnerungen, weil sie ja bis zu einem gewissen Grad Fiktionen sind.

War die DDR ein Reich? Schwer zu sagen; jedenfalls spricht man gern von ihrem Untergang. Wenn ich diesen Untergang mit Pompeji oder den Nonsense-Reichen vergleiche, in denen Maciste Ketten sprengte, dann wirkt er allerdings nicht besonders grandios, eher ein bissel würdelos. Insbesondere für die, die das Subjekt der Revolte hätten sein wollen. Aber es sah einfach nur danach aus, als hätte Helmut Kohl ein paar Portionen Saumagen mehr eingefahren und die DDR plattgedrückt. Ihre Trümmer kommen nun als Bilderregen in der populären Kultur über uns.

Das Reich zeichnet sich auch durch einen ästhetischen Anspruch aus. Es möchte alles Alltägliche durchwirken. Was das anbelangt, müßte man die DDR wohl als ein unvollständiges Reich betrachten. Die Ikonographie der Herrschaft legte sich zwar über alles Private, aber dieses verleibte sich die Zeichen der politischen Inszenierung auch wieder ein. Auf dem Riesenplakat siegte der Sozialismus und im Leben in ihm das kleine Glück der Butterstulle.

Von Bildern eines "untergegangenen Staates" ist in Der staatsfeindliche Blick die Rede. Das Buch versammelt eine Auswahl der Fotografien, die Hans-Joachim Helwig-Wilson zwischen 1958 und 1961 in der DDR machte, in der Zeit zwischen dem Sputnik-Rausch und dem Gefühl des technischen und sozialen Aufbruchs bis zum Mauerbau. Die Bilder zeigen die Schnittpunkte zwischen Alltag und Politik, eine Welt, die von Parolen durchsetzt ist wie ihr Gegenpart von Warenwerbung. Sie sind auf der Suche nach dem Bruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit; manchmal aber ist der Augenblick stärker als die visuelle Polemik.

Die ärgerliche Rhetorik der erklärenden Texte unterstellt den Bildern ein Wissen, das sie nicht hatten. Und raubt ihnen zugleich ein anderes Wissen, das aus der Aneinanderreihung von Augenblicken Geschichte macht. Die Bilder zeigen auch die politischen Demonstrationen zunächst von allen Seiten. Der Blick ist da bestimmt noch nicht "staatsfeindlich", da dieser entstehende Staat zunächst noch keine präzise Gestalt hat. Das Komische tritt subtiler zutage, wenn etwa bei der Leipziger Frühjahrsmesse 1960 Menschen um ein großes Chruschtschow-Plakat stehen, das für den Frieden wirbt, und im Hintergrund noch die Chlorodont-Reklame zu sehen ist; der "Straßenkreuzer" vor der "Zentralen Meldestelle" für westdeutsche Messebesucher wirkt, als hätte Billy Wilder ihn dort plaziert. "Staatsfeindlich" wird dieser Blick ja erst durch die Verschiebungen und die Opfer-Geschichte ihres Urhebers. Aber "staatsaufbauend" sind diese Bilder gewiß von Anfang an nicht, weil sich die Sphären der politischen Inszenierung und des Alltagslebens ineinander mischen.

Die BRD produzierte ihren Bilderreichtum aus nichts als der Dynamik dieses Widerspruchs: Jedes Bild diente der Synchronisierung des privaten Glücks und der gesellschaftlichen Erzählung, so wie umgekehrt in der DDR beinahe jedes Bild unwillkürlich den Bruch illustrieren mußte, wenn es nur das politische Zeichen und den menschlichen Augenblick gemeinsam erwischte. Daß dieser Bruch so augenscheinlich ist, machte dieses Reich bildhaft so anfällig. Ein merkwürdig heimeliges Gefühl entsteht gerade dadurch, daß sich - ganz anders eben als im Faschismus - die politische Inszenierung eher zum menschlichen Idyll (und der Tristesse) hinunterbewegt als die Massen sich zu ihr "hinauf". "Der Sozialismus siegt" als Riesenplakat über einem Märchenwald ist ebenso komisch wie die Parole "Der Sozialismus gewinnt den Wettlauf um ein schöneres Leben" in einem Schaufenster mit leeren Vogelkäfigen. Die Massenaufmärsche, das Überangebot an großen Worten und Idolbildern erscheinen wie eine absurde Verkleidung von Familienausflügen, und der fallende Schnee lenkt den Blick auf das unpassende Schuhwerk. Staatsfeindlich wird der Blick, wo die Diskrepanz zu groß wird, wo Spuren der Revolte zu sehen sind (wie auf dem Bild, wo die Fotos von Ulbricht, Grotewohl, Chruschtschow aus den Plakaten ausgerissen sind).

Die Bilder haben eine bizarre back story. Helwig-Wilson, der Autodidakt mit der Rollei 6 x 6 (deren Technik wie geschaffen scheint für den Blick in eine sich im Nebel verlierende Tiefe) sah die DDR im Auftrag der britischen Agentur Popper von außen; er war in den Westen übersiedelt, und seine Fotos wurden auch vom "Gesamtdeutschen Bundesministerium" benutzt. Dann geriet er in die Auseinandersetzungen zwischen Verfassungsschutz, BND und MfS, und der Journalist und Agent Grommica baute seine Beziehung zu dem Fotografen auf, um bei seinen Auftraggebern im Osten zu reüssieren. Als Helwig-Wilson kurz nach dem Mauerbau einen befreundeten Funktionär besuchte, wurde er verhaftet und wegen "Spionage" und "schwerer Hetze" zu 13 Jahren Zuchthaus verurteilt. Er wurde 1965, als gebrochener Mann, freigekauft. Als Fotograf hat er nicht mehr gearbeitet. Die Geschichte und die Bilder ergeben einen eigenartigen Film; es gibt in ihm klare Schurkenrollen, aber keine eindeutige Aussage.

Wenn schon für das Volk der Widerspruch zwischen Alltag und politischer Inszenierung nur mit Hilfe einer ironischen Schizophrenie auszuhalten war, so mußte dieser Widerspruch, in entgegengesetzter Richtung, auch bei den Herrschenden aufbrechen. Das Politbüro privat, als Film und als Buch, gibt Einblicke in die Lebenswelt der Regierenden, wenn sie nicht regierten. Sie lebten in einer eigenen Welt, in der die "Privilegien" viel weniger dem Prunk und der sadistischen oder asketischen Inszenierung von Diktatoren entsprachen, sondern den etwas aufgeblähten Wunschträumen vollendet selbstbeschränkter Kleinbürger. Auch das steckt voller Grotesken (zum Beispiel, wenn einer der Mächtigen seine Angestellten zum Cognac-Trinken verleitet), und es lappt ins Makabre, wo die Jagdleidenschaft und ihre Rituale psychohistorische Schlüsse nahelegen. So wie es den Beherrschten schwerfällt, die politische Inszenierung in das Alltagsleben zu integrieren, so scheint es den Herrschern schwergefallen zu sein, das Sinnliche ihres Alltags in das politische Selbstverständnis zu integrieren. Die Episoden und Bilder dazu legen die unterschiedlichsten Strategien bloß, von der asketischen Arbeitsmoral bis zum privaten Genuß nicht nur der Güter, sondern auch der menschlichen Dienstleistung. Die Politbüro-Mitglieder lebten wie in einer nicht sonderlich luxuriösen Familienpension, gingen sich gegenseitig auf die Nerven und pflegten ihre Macken.

Nicht nur der Mangel, sondern auch die sehr spezielle Struktur der Versorgung mit Waren und Zeichen machte es schwierig, einen ästhetischen Geschmack für Alltag und Politik auszubilden. Das unterscheidet die DDR deutlich von einem der Reiche, die ich so gerne untergehen sah: Es war nirgends die Pracht, nirgends dieser absolute Stilwille, der das Leben dem realen oder imaginären Willen des Herrschers unterwirft; selbst die post-stalinistischen Prestigebauten mußten so geschmacklos sein wie der Menüplan in Wandlitz. Überall faule Kompromisse, Schrebergartenglück und Hyperfassaden, Massenaufmarsch und Hinterhof, nur daß hier noch die Spuren der Geschichte fehlen. Die Tristesse der Bilder aus dieser mehr oder weniger abgeschlossenen Welt kommt aus der Unfähigkeit, diese Welt mit Geschmack zu betrachten. Die allumfassende Geschmacklosigkeit ist das Codesystem dieser Gesellschaft. Und vielleicht machte das die DDR für das Kohl-Deutschland zu einer so leichten Beute.

Sebastian Haffner behauptete einst: Entweder hat man eine Weltanschauung oder Geschmack. Mit dem einen wie mit dem anderen bestimmt man die Beziehung zwischen Ich und Welt, einmal auf der Suche nach der Ordnung der Dinge, das andere Mal auf der Suche nach ihrem Gehalt. Bild und Selbstbild der DDR folgten im wesentlichen der Dialektik von Weltanschauung und Geschmack, nicht allein deshalb, weil man hier aus der Weltanschauung einen Geschmack zu formen versuchte und umgekehrt Fragen des Geschmacks mit der Unnachsichtigkeit der Weltanschauungsfragen behandelte. Das konnte freilich nicht aufgehen: Zwischen Alltag und politischer Inszenierung entstand ein semiotisches Absurdistan. Das macht das Bild, das Walter und Lotte Ulbricht in ihren netten Freizeitklamotten auf dem Weg zum Strand zeigt, so umwerfend komisch. Sie wollen und können Geschmack nicht ausdrücken (denn Geschmack ist bürgerlich und dekadent), aber auf dem Weg zum Strand kann man auch seine Weltanschauung nicht tragen.

Die Gartenlaube ist bewohnbar, und leben kann man auch in der Fabrik, wo man den sozialen Aspekt der Arbeit ritualisiert hat; beides wird durch Zeichen und Worte zusammengehalten, die zunehmend leer oder abstrakt werden. Nur der Weg zwischen Laube und Fabrik, das Durchqueren eines semantischen Niemandslandes, einer Gegend, in der das Mitglied der kapitalistischen Gesellschaft seinen Geschmack spazieren führt, ist gefährlich. Bestenfalls wird es hier komisch.

Wir haben leicht lachen! Doch die erzwungene Geschmacklosigkeit der DDR heißt weder, daß es keine Ästhetik und kein ästhetisches Bewußtsein gegeben habe noch daß etwa der Triumph des Geschmacks über die Weltanschauung in der BRD irgend zu einem menschlichen oder politischen Gelingen hätte beitragen können. Die Übernahme der DDR durch das große D war selber ein Akt der besinnungslosen Geschmacklosigkeit. Aber läßt sich die Vergangenheit in Bildern bewahren, die es selber so schwer mit der Wirklichkeit hatten? Die Geschmacklosigkeit der DDR hat nicht nur einen Hauch von barbarischer Unschuld, den märchenhaften Glanz einer Epoche, in der das Wünschen noch geholfen haben mochte, sie ist selber unser Maciste, der im falschen Glanz der Warenwelt rumort. Fast nackt, und doch überdekoriert wie ein spielendes Kind.

Der leerlaufenden Erzählmaschine der Spitzelei, in der der Widerspruch zwischen politischer Semantik und Alltagsidylle aufgehoben wurde (MfS und IMs ließen nicht zu, daß das eine neben dem anderen existierte), entsprach keine vergleichbar umfassende Bildermaschine. Es gab überhaupt keine originären und aussagefähigen Bilder, es sei denn, man betrachtet jedes einzelne, zum Beispiel das Etikett für Spreewaldgurken, als Ausdruck der Unmöglichkeit, das wirkliche Leben der Erzählmaschine unterzuordnen oder es ihr zu entziehen. Selbst das Kino der DDR ist eines, in dem sich immer das Bild der Erzählung, die Erfahrung der Kenntnis unterordnet. Daher haben hier, in diesem zum Untergang geweihten Reich, das urbane oder regionale Leben auch keine "Stadt-" oder "Landschaftsbilder". Die Tiefenschärfe war zu fürchten und in der visuellen "Sprache" denn auch verpönt: nicht der Sog in seine Tiefe (wie es das kapitalistische, aber eben auch das moderne und damit das kritische Bild auszeichnet), sondern seine (Über-)Strahlkraft machte seine Wirkung aus. Statt wie im Westen gefälscht zu werden, wurden die Bilder in der DDR - nicht daß es hier keine Bilderfälschung gegeben hätte, aber sie wurde praktiziert, als gelte es einen Text zu fälschen - monumentalisiert. Das Bild vom glücklichen Menschen im siegreichen Sozialismus scherte sich nicht darum, daß seine Aussage schon konterkariert wurde, wenn man den Blick nur um ein Weniges abwandte, auf die unübersehbaren Zeichen des Verfalls. Das Bild selbst war das Problem des dem Untergang geweihten Reiches.

Ist in der Bildergeschichte der DDR plötzlich Geschmack an die Stelle der Weltanschauung getreten? Hat ein FDJ-Hemd, das Ampelmännchen seinen dialektischen Zusammenhang mit der Weltanschauung verloren, nun, da es "nichts" mehr bedeutet? Endgültig befreit sich der hysterische Geschmack, wenn das FDJ-Hemd zum Disco-Outfit, zum leeren Symbol (und damit schon wieder enteignet) wird.

Die Reiche, die Maciste untergehen ließ, krankten daran, daß die Zeichen der Macht und das Leben der Menschen keine Einheit mehr bildeten, Arbeit aber zu nichts anderem mehr führte, als zur Produktion ebenjener Zeichen. Die Sehnsucht nach den Bildern, bei gleichzeitiger radikaler Verwerfung des Textes DDR, wird vielleicht erst wirklich verständlich, wenn wir eine Vorher/Nachher-Geschichte wie in dem Buch Vorwärts immer, rückwärts nimmer von Moritz Bauer und Jo Wickert ansehen. Es folgt einem verblüffend einfachen Konzept: Orte wurden zweimal fotografiert, unmittelbar nach dem Beitritt der DDR zur BRD, 1991, als es "allerorten nach Aufbruch und Umbau, nach schneller Einführung westlicher Standards ... roch", und 2003 noch einmal.

Was ist geschehen? Manchmal haben nur die neuen die alten Zeichen ersetzt, und diese Zeichen sind bildhafter, die Schriften werden weniger. BRD-Werden heißt dann: Mehr Bild werden, mehr Schein. Oft ist neues Ödland entstanden, dann wieder hat die Bauwut tatsächlich einen Ort gründlich verändert. Hier und da sind an die Stelle der Zeichen des alten Verfalls die der neuen Zerstörung getreten. Die seltsamsten Beispiele aber sind die, in denen sich in 4.000 Tagen BRD einfach nichts veränderte. Höchstens eine weitere Fensterscheibe ist zu Bruch gegangen. Vielfalt und Geschmack liegen weniger im Architektonischen als im Beweglichen, in der Kleidung, den Möblierungen, den Automobilen. Oft ist auch, was 1991 geöffnet war, im Jahr 2001 geschlossen. Der öffentliche Raum ist gewuchert, und die Sphären der Privatheit sind nun stärker bedroht. Natürlich hat man die Zeichen entfernt, die vordem die Schnittstellen markierten, wie das Lenin-Denkmal. Die neuen Leerstellen sind kontrollierter Raum geworden. Mit der leeren Ikonographie des Reiches, das kein Reich werden konnte, sind auch die menschlichen Idyllen verschwunden, und das Subjekt ist weiter von seiner Verwirklichung entfernt denn je.

Verschwunden sind aber auch die Pioniere der Vereinigung, die Zeichen der Verbindung der Idylle mit dem Kapitalismus, die Würstchenbuden und Wohnmobile jener, die das schnelle Abenteuer des kleinen Unternehmertums suchten, und es zieht die alte Ödnis ein oder, schlimmer, eine neue Form der Ödnis: das Markenzeichen als neue Ikonographie der Macht. Gesiegt haben nicht Menschen, sondern Autos, Konzernsymbole und eine Architektur, die beidem rückhaltlos dient. Die Bauten der Umbruchzeit sind schon wieder verfallen, wie der Platz der Republik in Frankfurt/Oder.

Was man in den Bildern dieser 4.000 Tage sehen kann, ist nicht so sehr das Gefressenwerden der DDR durch die BRD als vielmehr das Gefressenwerden der BRD-Träume durch die Wirklichkeit der BRD. Der erträumte subjektive Freiraum ist nicht entstanden. Man kann sich nur noch selber wegsperren, ins medial verstärkte Innen. Nicht mehr wuchert nun die Ikonographie der Weltanschauung in alle Lebensbereiche, bis hinein in die "Pausenecken" im Betrieb (wie in den wundervollen Fotos vom VEB Forster Tuchfabriken-Arbeitsalltag, abgebildet in Die DDR im Bild), es geht nun gleichsam andersherum: Das neue Reich entleert sich nach innen. Es gibt keine Pausenecken mehr, nur Räume der Beobachtung und der Glättung.

Es fand ja auch so etwas wie ein Bilderclash statt in dieser Wiedervereinigung, in dem es um die Vorherrschaft der Vertextlichung oder der Verbildlichung der Welt ging. "In der DDR ist das Einzelbild wesentlich stärkerer Symbolträger und bedarf einer Unterstützung durch den Text", schreibt Rolf Sachsse in Die DDR im Bild, "umgekehrt ist das Bild meist Illustration eines doch primär vermittelnden Textes." Aber nun fegt der Bildersturm über die Schröder-BRD. Die Bildermaschinen sind so weit von der Lebenserfahrung und von den Glückserwartungen entfernt, wie es die Textmaschinen in der DDR waren. Und sie sind auch nicht weniger bedrohlich: Eine falsche Bilderspur kann das Leben kosten. Die Überwachungskamera produziert, wie das MfS "Berichte", eine Informationsmenge, die nicht mehr bewältigt werden kann. So wie dort der Text schlägt hier das Bild willkürlich in die Gesellschaft zurück, die es produziert.

Wie war das mit Maciste und dem untergehenden Reich? Mein Freund, der Kettensprenger, überlebte am Anfang die eine oder andere Katastrophe, bevor er Zeuge wurde, wie das Reich in Trümmer fiel. Wenn man den Bildern trauen darf, dann war der Untergang der DDR nur das Vorspiel zum Untergang des mehr oder weniger großen D. Denn aus dem Beitrittsgebiet kamen nicht nur Machtknoten wie Angela Merkel, sondern auch sonst eine große, schreckliche Leere. Es scheint, als habe sich die Bilderproduktion des Kapitalismus darin erschöpft, eine visuelle Falle zu errichten, und die bildohnmächtige Kultur der DDR fiel auf diesen Trick herein. Nun aber bedeuten diese Bilder rein gar nichts mehr, es fällt niemand mehr auf sie herein, sie werden zunehmend sogar unsichtbar, ein blendendes weißes Bilderrauschen, das eine Gesellschaft dumm macht, die ihren Text vergessen hat (wenn sie denn je einen hatte). Jetzt geht der Untergang erst richtig los.

 

"Das Politbüro privat" - Dokumentarfilm; DVD; Regie: Thomas Grimm/Werner Treß; BRD 2004 (Polarfilm); 90 Minuten plus 25 Minuten Bonusmaterial

Thomas Grimm: Das Politbüro privat. Aufbau, Berlin 2004, 280 Seiten, 17,90 Euro

Thomas Grimm/Ed Stuhler: Die Honeckers privat. Parthas, Berlin 2004, 96 Seiten, 18 Euro

Elena Demke (Hg.): Der staatsfeindliche Blick. Bebra, Berlin 2004, 96 Seiten, 9,90 Euro

Moritz Bauer/Jo Wickert: Vorwärts immer, rückwärts nimmer. Nicolai, Berlin 2004, 200 Seiten, 14,90 Euro

Karin Hartewig: Das Auge der Partei. Fotografie und Staatssicherheit. Chr. Links, Berlin 2004, 250 Seiten, 19,90 Euro

Karin Hartewig/Alf Lüdtke (Hg.): Die DDR im Bild. Wallstein, Göttingen 2004, 240 Seiten, 32 Euro

Georg Seeßlen hat gerade mit Robert Fischer und Peter Körte das Buch "Quentin Tarantino" (Bertz) veröffentlicht

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