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Onkel Adolf

Das Obszöne an den Romanen des Schauspielers Michael Degen ist, daß der Nationalsozialismus und der Holocaust nicht bloß als reale historische Gegenstände selbst denunziert, sondern auch durch den prätentiös-verschmalzten Ton banalisiert werden

von Thomas Blum

In Nicht alle waren Mörder erzählt der Schauspieler Michael Degen von seiner Kindheit in der Nazizeit, die er in Verstecken in Berlin überlebt hat. Nachdem es ihm und seiner Mutter gelungen ist, der Deportation zu entgehen, treffen sie "Freunde und Fremde, Menschen, die nicht fragten, sondern wortlos halfen" (Klappentext).

Das "glänzend geschriebene Buch" (Klappentext) ist nicht glänzend geschrieben. Auffallend sind unter anderem eine beeindruckende Beschränktheit der Wortwahl und die ständige Variation des Immergleichen. Die eine hat "ganz dicke Brillengläser, mit denen sie uns aus riesigen Eulenaugen anstarrte" oder "kann einen durch die dicken Gläser ganz listig und hinterhältig-spöttisch ansehen", ein anderer kann "sein Glasauge ganz bedrohlich funkeln lassen", so daß er einen auch prompt später "mit seinem Glasauge bedrohlich anfunkelte", was aber andere nicht daran hindert, dasselbe zu tun: "und ihre Augen begannen bedrohlich zu funkeln". Auch sonst haben die Personen entweder "ein Grinsen in den Augen", "Schreck in ihren Augen", "einen durchdringenden Blick", tun irgendwas, "ohne die Augen von ihm zu lassen". Wie gesagt: glänzend geschrieben.

In seinem Roman Blondi traut sich der Autor noch mehr als den unbeholfenen Groschenromanstil, in dem er seine Kindheitserinnerungen verfaßt hat. Diesmal hat er sich eine bizarre Geschichte ausgedacht: Eine ins Vernichtungslager deportierte Jüdin, anfangs die Erzählerin des Romans, findet sich nach ihrer Ermordung zunächst im Jenseits wieder, plaudert mit Nebukadnezar und Heinrich Heine, wird dann als Hitlers Schäferhündin "Blondi", die nun zur Erzählerin wird, wiedergeboren und verlebt fortan eine fidele Zeit mit "Onkel Adolf", wie sie ihn nennt.

Das besonders Obszöne an dem Druckerzeugnis ist, daß der Nationalsozialismus und der Holocaust, die hier nicht mehr sind als die Kulisse für einen durchweg abgeschmackten Text, nicht bloß durch die Degensche Sprachsimplifizierungsmaschinerie getrieben und derart als reale historische Gegenstände selbst denunziert, sondern auch durch den prätentiös-verschmalzten Ton banalisiert werden, in dem der Autor seine Erzählerin berichten läßt. Die Ankunft im Vernichtungslager schildert Degen so: "Endlich kamen wir aber doch ans Ziel. Und als die ... Abteiltüren zurückgeschoben waren, empfing uns eine kühle und überaus wohltuende Nachtluft. Auf dem Bahnsteig standen große, gutgewachsene junge Leute in prachtvollen Uniformen, die uns mit eindeutigen Gesten aufforderten, den Zug zu verlassen ... Dann standen wir da und atmeten die Luft ein. ›Welch eine Luft‹, dachte ich." Genau richtig für einen Sonntagmorgenspaziergang übers KZ-Gelände, möchte man meinen. Selbst der Tod in der Gaskammer wird vom Zuckergußgeschwafel des Loreromans nicht verschont: "Einzig das Sich-Fügen in ein unabänderliches Schicksal konnte das Todeserlebnis erträglich machen", und das Sterben erinnert die Erzählerin "unwillkürlich an ein grausiges und hochartifizielles Ballett".

Nach der Wiedergeburt der Protagonistin als "Blondi" geschieht das Entscheidende: die Begegnung mit dem Führer. Und wer bei der Lektüre des ersten Buchs von Degen aufmerksam war, ahnt bereits, was jetzt kommt: "Seine großen blauen, etwas hervorquellenden Augen schauten ausdruckslos über alles hinweg." Fortan ist "Blondi" dem Faszinosum des Hitlerschen Augenspiels verfallen. Der Führer spricht "stolz und leuchtenden Auges" und fixierte sie "mit seinen drohenden blauen Augen", die dann auch noch "zu funkeln" anfangen. Über einen Professor heißt es: "Er hatte ebenso blaue Augen wie der Großmächtige, aber ihnen fehlte der Stahl im Blick."

Doch selbst wenn man von all den klischeehaften und wohl überwiegend aus Augenarztromanen abgeschriebenen Formulierungen absieht, ist der Roman sprachlich jenseits von Gut und Böse. Es gibt "Schilderungen, die mir widerfahren sind", eine "Gemeinsamkeit, die mich überkam", einen "kleinen Finger, der das Faß überlaufen läßt". Der im Jenseits auftretende Heinrich Heine sagt Sätze wie diesen: "Damit haben Sie sich zwischen zwei einflußreiche Stühle gesetzt."

Auf Seite 194, als "Blondi" beschreibt, wie sie von "Wolf", einem anderen Köter Hitlers, bestiegen wird ("mit hochgerecktem Glied ... Blutrot und nicht sehr groß, zeigte es mir, was er mit mir zu tun gedachte ... Seine Ausdauer überwältigte mich. Selbst nach mehrmaligem, erheblichem Samenerguß arbeitete er unermüdlich weiter. Sein niedlicher Schwanz knickte nie weg, und sein endloser Appetit auf mich konnte nichts anders als eine rührende Liebeserklärung bedeuten ..."), habe ich die Lektüre beendet.

Michael Degen: Blondi. List, München 2003, 465 Seiten, 8,95 Euro

ders.: Nicht alle waren Mörder. List, München 2002, 332 Seiten, 8,95 Euro

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