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Natural born Quasselstrippen

Zwei deutsche Schreibschülerinnen übten bei ihrem New-York-Aufenthalt das Verfassen von Tagebucheinträgen. Die Ergebnisse ihrer Bemühungen wurden nicht nur online, sondern auch in Buchform veröffentlicht

Auch Else Buschheuer und Kathrin Röggla gehören zu der kognitiv über ihre Verhältnisse lebenden polyglotten Literatenblase, die man im Schreibschüleraustausch gerne mal nach New York schickt. Zum Buchstabierenüben. Und damit wir hier eine halbe Saison Ruhe vor ihnen haben. Kein einziger Satz, kein Wort, keine Silbe gerät ihnen dadurch besser, richtiger, klüger, schöner. Kathrin Röggla, zum Beispiel, übt ihre vorgebliche Amerikanisierung dadurch, daß sie Handy korrekt in Handies pluralisieren kann. dafür kann sie aber noch keine großbuchstaben. Während Else Buschheuer sich gar keine Mühe gibt, intelligent zu erscheinen (wohlgemerkt "erscheinen"; "sein" will dieser Typ es ja erst recht nicht), weiß sie immerhin, daß es bei den Amerikanern keine Handys gibt sondern höchstens cell phones. Außerdem kann sie schon Internet. Welche Art von geistiger Verwahrlosung ist jetzt schlimmer? - Geduld.

Die kathrin hat schon mal was von Diskursen gehört, kassiert von den Amerikanern, die sie angelegentlich der Ereignisse des 11. Septembers nach "opposition" befragt, trotzdem mitleidige Blicke am Stück, vermutlich weil sie ihre Nervensägenhaftigkeit auch angesichts schlimmster Desolationen nicht abstreifen kann. Das wird ihr mit ihrem Poesiealbum really ground zero nicht anders ergehen. Natural born Quasselstrippen legen prinzipiell erst mal los, bevor sie nachdenken (weil sie glauben, es heiße deshalb nachdenken). Aber auch nach dem Nachdenken wird die kathrin nicht begreifen, daß es mit der Freiheit der US-amerikanischen Öffentlichkeit nicht sehr weit her sein kann, zumal ihr mehrere Gesprächspartner dringend raten, "zwischen den zeilen zu lesen".

Eine Sache, mit der "die kluge Else" (Michael Rudolf) mehr vertrauten Umgang gepflegt haben müßte. Wenn sie denn wüßte, was Zeilen überhaupt sind. Ihre Nachhilfestunden bei der New Yorker "Aufbau"-Redaktion verlaufen in etwa folgendermaßen: "Höhepunkt meines Arbeitstages war ein Lob für eine Bildunterschrift. Der Tiefpunkt: In der Redaktion wurde mein Internet-Tagebuch begutachtet und mehrheitlich als 'keine Literatur' befunden." Aber man ist ja "ein komischer Vogel", beziehungsweise "unabhängig ist man selber". Spätestens hier klingeln bei jedem Leser die Neidglöckchen. Dafür muß er jedoch in Kauf nehmen, daß Amerika bei Franz Kafka laut Else "eher vage beschrieben" worden sei. Sie will es nämlich besser machen: "Merke: In New York kannst du den Ereignissen nicht entfliehen, sie haben dich am Arsch." Zum Beispiel so: "Bis 11 geschlafen, mit Halsweh aufgewacht, dann versucht, den U-Bahn-Plan zusammenzufalten, nach anderthalb Stunden aufgegeben und eine Stunde geweint und ein bißchen gegen die Einbauschränke meines Apartments getreten." Wir sehen schon: Was sie am besten kann, ist eine selbst auferlegte Arbeitsbeschaffungsmaßname als "Den-größtenteils-unverständlichen-Rest-der-Welt-zum-größtenteils-verständnislosen-Ich-ins-Verhältnis-Setzerin". In diesem Verhältnis werden "Schicksale verursacht", auch muß sie oft "ich meine" sagen.

Die kathrin wiederum bemerkt nach dem 11. September "ansonsten wenig durchgeknallte auf der straße". "DER ZWEITE TURM ist zusammengefallen. Ich sitze hier und heule. Das World Trade Center gibt es nicht mehr ... Es ist so hoffnungslos!!" So jetzt wieder die Else. Gefolgt von einer "ODE AN DIE TÜRME", die wir hier aus seuchenhygienischen Gründen überspringen. Elses Internet-Tagebuch www.else-buschheuer.de ist denn auch angelegt, daß die Leserkommentare so ausfallen müssen: "Wir weinen mit Ihnen; trotzdem, ich frage mich grad, ob es nicht furchtbar für Sie ist, zu glauben, sofort BERICHTEN zu müssen? Ob Sie nicht vielleicht, zunächst wenigstens, einfach nur fühlen?" Oder: "Wie fühlt es sich an, daß die Medien plötzlich solch ein Mega-Interesse an Dir haben, weil Du als Deutsche in NY fest sitzt? Fühlst Du Dich gar nicht benutzt?" Ausnahmsweise mal mit nur einem Fragezeichen.

Erst auf Seite 167 fragt die Else: "Warum nicht nach Worten suchen? Stammeln? Schweigen?" Da ist ihr Buch schon fast zu Ende. Bei der kathrin hingegen "liegen die erzählstränge in der luft". Else versucht es mit "Ein bißchen Frieden" von Nicole und "Und als wir ans Ufer kamen" von Wolf Biermann und ein bißchen mit den Tarot-Karten. Warum? "Weil eben nichts mehr so ist, wie es war, niemand, auch ich nicht. Ich sehe mich als Überlebende. Als Veränderte." Schön wär's. "Ich werde vermutlich wirre Bücher schreiben, die keinen Verlag finden und Kameras scheuen, die gar nicht mich meinen." Guter Ansatz. Sowas "macht schon sinn" (die kathrin). "die politischen implikationen der jetzigen situation sind jedenfalls nicht abzusehen" (noch mal die kathrin). Und all die anderen NachwüchslerInnen? Sollten sie wie die kathrin besser noch ein Interview mit sich selbst führen, als autoren "das alles auseinander dividieren, ... um es danach wieder ineinander fließen zu lassen"? Oder sollten sie einander "die Pulsadern direkt vorm Roten-Kreuz-Gebäude aufschneiden", wie die Else sich vorschlägt? Die (während eines Rückfalls in die Kleinschreibung) außerdem erkannt hat: "ironie geilheit ausgelassenheit coolness sind sachen von vorher und gehören nicht mehr hierher (und niemals mehr irgendwohin?)" Ihr helfen, neben einer einfachen Microsoft-Rechtschreibprüfung, nur noch die Vagina-Monologe: "Wir haben alle viel gelacht, waren zwei-dreimal ganz still, ich mit Gänsehaut. Die eine oder andere hat auch mal ein Tränchen zerdrückt." kathrin wiederum empfand Derrida bei einem Vortrag wie "ein deus ex machina", dann besuchte sie fix eine "nachbarschaftliche dinner-party". Und siehe: die guten Leut hatten "nicht nur ihre themen, sondern auch ihre biographien". Dann ging's wieder. Halbwegs. Obwohl sie allüberall "der ideologie bei der arbeit zusehen" konnte.

 

Trotz eingeschränktem Wahrnehmungsapparat haben die beiden Früchtchen sofort erkannt, daß es ganz einträglich ist, beim großen "Wir-sind-auch-irgendwie-Amerikaner"-Rufen dabei zu sein, weil das Dazugehörenmüssen zu dieser spezifischen Art Blödheit längst dazugehört. Es spricht für New York, daß es mühelos zwei von diesen Schreibschülerinnen aushält - zur gleichen Zeit, kaum einen Radiergummiwurf auseinander. Aber spätere Generationen werden vor der durchaus kniffligen Frage stehen, was wirklich schlimmer ist: das Attentat auf das WTC oder was deutsche "Damen" darüber "schrieben".

kathrin röggla: really ground zero. 11. september und folgendes. Fischer, Frankfurt a. M. 2001, 112 Seiten, 7 Euro.

Else Buschheuer: www.else-buschheuer.de. Das New York Tagebuch. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2002, 272 Seiten, 9,90 Euro.

Michael Rudolf hat gerade den Roman "Morgenbillich. Die Wahrheit über Holger Sudau" (Oktober Verlag) veröffentlicht

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