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»When you smell something, say something«

Gegen die »Daily Show«, die Jon Stewart, der größte lebende Satiriker Amerikas, nun nach 16 Jahren beendet hat, sieht die »Heute-Show« mehr als alt aus. Von Fritzi Busch   

 

Meine Gemeinschaftskundelehrer haben ziemlich steile Thesen aufgestellt. Eine war: »Die Militärdiktatur ist dazu da, Ordnung wiederherzustellen.« Eine andere: »Die Aufgabe der Medien ist es, die Bevölkerung zu informieren.« Wer einmal eine Stunde Deutschlandfunk gehört oder die »FAZ« gelesen hat, weiß, dass das nicht stimmt. Aufgabe der Medien ist, die herrschenden Verhältnisse so zu erklären, dass sie die Verhältnisse der Herrschenden bleiben. Dabei sehen deren Vertreter zuweilen ziemlich blöd aus – besonders blöd, wenn sie wie der Wirtschaftswissenschaftler Markus C. Kerber und Udo van Kampen, ehemaliger ZDF-Korrespondent und Berater der Bertelsmann-Stiftung, in der Phoenix-Runde »Die Uhr tickt. Griechenland vor dem Staatsbankrott« begonnen haben, sich ihre eigenen Erklärungen zu glauben. Diese beiden »Experten« jedenfalls waren nicht mehr in der Lage, so einfache Dinge zu verstehen, wie dass Wettbewerbsfähigkeit ein relatives Prinzip ist.

Karl Marx nannte solch kollektive Blindheit Ideologie, der amerikanische Satiriker Jon Stewart nennt sie Bullshit. Weil Stewart den nicht hinnehmen mag, hat er, was Karl Kraus in der »Fackel« und Lenny Bruce auf den Stand-up-Bühnen gemacht haben, im Fernsehen gemacht. Seine Arbeit, fünf Tage die Woche in seiner »Daily Show« auf dem US-Fernsehkanal Comedy Central, beschrieb er so: »Ich habe einen einzigen Job, und der ist ziemlich einfach. Ich komme morgens rein und schau mir die Nachrichten an und schreibe Witze darüber. Und dann mach ich ein paar Grimassen, und dann so was wie ein Geräusch wie ähh, und dann chin-ching und ich bin aus der Tür.« Die Wahrheit zu sagen, ist nicht nur aufklärend, sondern auch noch unterhaltsam. Das wissen amerikanische Comedians spätestens seit Lenny Bruce.

Auch wenn die Wahrheit natürlich nicht lustig, sondern eher traurig ist. Lustig ist die Absurdität der Lüge, die manchmal so offensichtlich ist, dass Jon Stewart ein schlechtes Gewissen hat: »Nun, diese Situation hat sicherlich lustige Aspekte … sehr einfach, sich über Vorgänge wie diesen lustig zu machen … unglaublich einfach … so einfach, dass man seinen Scheck zurückgeben will.«

Stewarts »Daily Show« gewann 18mal einen Emmy, den bedeutendsten Fernsehpreis der USA, und zweimal den Peabody Award. 2009 wurde der Comedian in einer Umfrage des »Time Magazine« zum vertrauenswürdigsten Nachrichtenjournalisten Amerikas gewählt. Das Geheimnis seines Erfolgs sind auch Medien, die wie der Nachrichtensender Fox News aus einem Paralleluniversum zu berichten scheinen.

Fox News gehört dem australischen Unternehmer und Multimillionär Rupert Murdoch. Als das Nachrichtenprogramm 1996 auf Sendung ging, konnte man es in einigen amerikanischen Großstädten wie New York und Los Angeles zunächst gar nicht empfangen. Bis heute richtet sich Fox News vor allem an ein ländliches Publikum beziehungsweise an jenen größeren Teil Amerikas, von dem man in Europa dank Hollywood nicht viel mitbekommt. Eine US-Komödie ohne Bar Mitzwa und die Skyline von New York ist schon deshalb kaum denkbar, weil es im ungleich größeren Teil der USA in einer Art und Weise dumm-reaktionär zugeht, dass einem zum Weinen zumute ist. Es sei denn, man ist Satiriker. Dann sind Erscheinungen wie Donald Trump, der republikanische Präsidentschaftsbewerber, eine Goldgrube. Um Trumps Wahlrede angemessen zu kommentieren, muss Stewart bloß mit den Augen rollen oder mit den Schultern zucken. In anderen Fällen sieht er sich veranlasst, ein wenig zu analysieren. Als Fox-News-Anchorwoman Megyn Kelly eine Sendung zur Frage »Ist der Weihnachtsmann weiß?« mit den Worten begann: »Und für all euch Kinder, die das hier zu Hause anschauen: Der Weihnachtsmann ist natürlich weiß … Das wollte ich nur schon mal klarstellen«, fragte Stewart ungläubig: »Mit wem sprechen Sie da eigentlich? Mit Kindern, die gebildet genug sind, um zehn Uhr abends einen Nachrichtensender zu schauen, und zugleich naiv genug, noch an den Weihnachtsmann zu glauben, und dennoch rassistisch genug, um auszurasten, sollte er nicht weiß sein?«

Fox News, wo Anchormen, Kommentatoren und Politiker endlich mal sagen, »was Leute, die nicht denken, denken«, macht Stewart die Arbeit leicht – zugleich aber, und das sieht man ihm an, das Leben schwer. Stewart ist, wie die Website »Jew or not Jew« schreibt, »apparently a real mensch«. Darin besteht, abgesehen von seinem Witz, Charme, guten Aussehen und seiner Intelligenz, auch schon der einzige Unterschied zu Oliver Welke, den das ZDF als Stewart-Imitator angeheuert hat. Welkes »Heute-Show« orientiert sich vom Ablauf bis zur Kulisse an der »Daily Show« und hat doch nichts mit dem Original gemein. Harald Schmidt bezeichnet sie als »volkstümliche Unterhaltung«, die vor allem auf die »Bestätigung von vorgefertigten Meinungen« setze. Die »Heute-Show«, schreibt Geschichts- und Politikwissenschaftler Leonard Novy, verhalte sich zur »Daily Show« »wie Annemarie Eilfeld (oder jedes andere Castingsternchen aus der RTL-Retorte) zu Aretha Franklin«. Ein guter Vergleich. Nur stimmt nicht, dass die »Heute-Show«, wie Novy kritisiert, keine Haltung hat, die ist bloß ebenso reaktionär und selbstgefällig wie die des ZDF-Publikums.

Etwas progressiver ist da schon Jan Böhmermann, einer der geklont aussehenden blonden Hallodris, die sich am Medium Fernsehen abarbeiten. Dass in Böhmermann mehr steckt als der Wunsch, auf eine spießige Art hip und jung zu sein, zeigt sein Varoufakis-Song, in dem er die aktuelle deutsche Europa-Politik klar in die Tradition früherer Großmachtansprüche stellt.

 

Jung, hip, Netz – das sind Dinge, die Stewart nicht interessieren. Er fordert ein Amerika, das ebenso klug, menschlich und in keiner Sekunde zynisch ist wie er. Stewart ist eine fleischgewordene Utopie, ein existenter Nichtort also, und das ist eine unbequeme Form des Daseins. Man merkt ihm seine Verzweiflung und Wut an, wenn er versucht klarzustellen, dass Rassismus in den USA ein gesellschaftliches Problem ist: »In der Fox-Welt ist man arm, weil man sich dafür entscheidet, aber Rassist, weil die Umwelt einen dazu gemacht hat.«

Stewart ist kein Systemkritiker. Er ist ein Liberaler, eine politische Überzeugung, die nichts mit der von der FDP vertretenen zu tun hat. Der amerikanische Liberalismus wendet sich entschieden gegen Rassismus, Homophobie und Chauvinismus, setzt sich ein für die Unterstützung von Armen, Alten und Kranken und ist bei aller Kritik an den herrschenden Verhältnissen durchdrungen von einer großen Liebe zu Amerika und seiner Verfassung. Stewarts Patriotismus wurde am deutlichsten in der ersten Sendung nach 9/11, als er schluchzend die Werte und die Stärke Amerikas beschwor: »Der Blick von meinem Appartement fiel aufs World Trade Center, und das ist jetzt weg. Man hat es angegriffen. Dieses Symbol des amerikanischen Erfindungsreichtums und der Stärke und der Arbeit und der Vorstellungskraft und des Handels, und es ist weg. Aber wissen Sie, worauf der Blick jetzt fällt? Die Freiheitsstatue. Der Blick vom Süden Manhattans fällt jetzt auf die Freiheitsstatue. Das ist unschlagbar.« Stewart glaubt an ein Amerika, das die größtmögliche Freiheit seiner Bewohner und seiner Ökonomie sichert. Wirtschaftspolitisch ist er alles andere als ein Linker, und bei aller Aufklärung fällt er auf das eigene Pathos herein, wenn es um seinen Traum von Amerika geht. Für ihn sind Begriffe wie Demokratie und Freiheit von zentraler Bedeutung, gerade weil er manchmal nicht mehr sicher ist, was sie bedeuten. Wie sollte er auch: »Ich hab ja nur in diesem Land gelebt.« Er weiß, dass, was mit »freedom, family, fairness, health, America« überschrieben ist, im Zweifel stinkt: »Es ist möglich, dass es in einer Einrichtung hergestellt wurde, die möglicherweise Spuren von Bullshit enthält.« Und trotzdem: Stewart glaubt an den amerikanischen Traum, daran, dass zwischen dem Amerika von heute und dem Himmel auf Erden nur eine Menge Rassisten, Homophobe und andere Blödmänner stehen.

 

Fritzi Busch schrieb in konkret 11/14 über den Hass auf die politische Korrektheit

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