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Editorial

2015/2016

Wer dumpfer Gesinnung und »besorgten Bürgern« rechte Gunst erweisen will, beruft sich seit dem Massaker an den Mitarbeitern der linken französischen Satirezeitschrift »Charlie Hebdo« gern auf die Meinungsfreiheit. So wunderte sich Chauvikolumnist Harald Martenstein, dass keiner (außer ihm) die Parallelen zwischen dem Fall des Nobelpreisträgers Tim Hunt, der wegen frauenfeindlicher Äußerungen seine akademischen Ehrenämter verlor, »und den Anschlägen auf ›Charlie Hebdo‹ gesehen hat. In beiden Fällen geht es darum, dass Menschen es nicht ertragen, wenn über etwas Scherze gemacht wird, das sie für unantastbar halten. Und in beiden Fällen wird mit äußerster Unbarmherzigkeit vorgegangen, um ein Klima der Angst zu schaffen. « Ähnlich verteidigte das »Hamburger Abendblatt« die Band Freiwild gegen die Petition »Keine Bühne für Nationalisten in Hamburg«: Man müsse Freiwild aushalten, Hamburg sei eine weltoffene Stadt. »Je suis Franz Josef«, proklamierte gar »Stern«-Kolumnistin Meike Winnemuth aus Protest gegen eine (selbstverständlich ebenfalls wirkungslose) Onlinepetition gegen den »Bild«- Postboten Franz Josef Wagner aus Anlass seines Briefs an die »lieben Absturzopfer« der Germanwings-Maschine. Die Unterzeichner hätten schließlich »noch vor wenigen Monaten ›Je suis Charlie‹ geliked und geshared«. Sie möge Wagners Ergüsse zwar nicht, wolle aber, verspricht die mutige Winnemuth, »mit jeder verklebten Faszie meines Körpers sein Recht verteidigen, sie zu schreiben«.

Hannes Stein nimmt sich in der »Welt« das posthum erschienene Buch (siehe S. 6/7) des »Charlie Hebdo«-Chefs Stéphane Charbonnier vor, um ein besonders trübes Süppchen zu kochen, denn: »Der Mann war Kommunist. Und genau darüber würde ich gern bei einem Glas Bordeaux mit ihm diskutieren … ›Finden Sie wirklich, dass Islamofaschismus die richtige Vokabel ist? Sollte man nicht besser … Islamobolschewismus sagen?‹«

Einige deutsche Verlage haben fragwürdige Schnellschüsse auf die Schüsse in der Pariser Redaktion folgen lassen (S. 6/7). Auch die unspektakuläre Arte-Dokumentation »Ausgelacht!? Karikaturen und Pressefreiheit« von 2014 ist nach den Attentaten vom 7. Januar noch bei Absolut Medien auf DVD erschienen. Regisseur Olivier Malvoisin will darin der Frage nachgehen, wie es »weltweit um die Meinungsfreiheit von Karikaturisten bestellt« ist, und landet auffällig oft beim »Zensor« Israel. Auch die europäischen und amerikanischen Zeitungsredaktionen würden immer prüder, beklagen die interviewten Zeichner. Der »Le Monde«-Karikaturist Plantu bedauert, dass er, anders als seine Kollegen in Belgien, israelische Soldaten nicht mit SS-Männern gleichsetzen dürfe.

literatur konkret handelt in diesem Jahr nicht nur von den Folgen der Anschläge, sondern auch allgemeiner von der Ambivalenz des Lachens, von der Möglichkeit und »Unmöglichkeit von Satire heute« (Adorno), von der Rolle des Kabaretts und von humorlosen Deutschen. An diesem Sonderheft zur Frankfurter Buchmesse haben bekannte Satiriker und Karikaturisten mitgewirkt. Neben Zeichnungen von »Charlie Hebdo«-Mitarbeitern und einer historischen Karikatur von Honoré Daumier, die die Staatsgalerie Stuttgart zur Verfügung gestellt hat, illustrieren das Heft Ernst Kahls gezielte Schüsse unter die Gürtellinie (s. u. und ab Seite 23) sowie Cartoons von Katharina Greve, Leonard Riegel und Oliver Ottitsch. Das Bild auf Seite 15 ist das Covermotiv von Ottitschs Cartoonband Kopf hoch! (Holzbaum-Verlag); Katharina Greves Bild auf Seite 4 ist dem von Volker Surmann und Heiko Werning herausgegebenen Band Ist das jetzt Satire oder was?, der (mit Beiträgen von konkret-Autoren) am 15. Oktober erscheint, mit freundlicher Genehmigung der Zeichnerin und des Satyr-Verlags entnommen.

 

 

 

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