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Ulrich Raulff: Wiedersehen mit den Siebzigern. Die wilden Jahre des Lesens. Klett-Cotta, Stuttgart 2014, 176 Seiten, 17,95 Euro

Das waren noch Zeiten, als Bibliothek und Biographie, Lektüre und Leben ununterscheidbar waren! Die wilden Jahre des Autors beginnen in Marburg und erzählen anekdotisch von einem Kosmos aus Uni und WG, dem damals einzig denkbaren Universum. Zwischen Gerichten aus der Gerüchteküche und Grafitti im Germanistenturm serviert er die Namen Wolfgang Abendroth, Frank Deppe, Georg Fülberth. Doch schon Heinz Schlaffers Vorlesungen faszinieren vor allem dank der Garderobe von dessen Frau. Entsprechend ist der Marxismus bald nur noch »eine historisch vielfach widerlegte Doktrin des 19. Jahrhunderts« und der Autor auf zu Modischerem.

Er macht einen Zwischenstop im Buchwesen, unternimmt Ausflüge zur Frankfurter Messe, wo die Buchhändlerinnen »niedlich« sind und die Lektorinnen »herben Charme« haben, und pendelt zwischen Raubdruck und »Suhrkamp culture«.

Bald muss Ulrich Raulff weiter zu neuen »intellektuellen Abenteuern«, nach Paris zu flamboyanten Strukturalisten, charismatischen Semiotikern, prominenteren Namen: Michel Foucault, Jacques Derrida, Gilles Deleuze, Roland Barthes. In den neuen Franzosen erkennt er den alten Heidegger wieder – »Verzicht auf Dialektik« –, doch was Jean Améry als »terroristische Offensive gegen die klassische Vernunft« kritisierte, ist für Raulff der Weg »zum freien Denken«, der »neue Sound in der theoretischen Literatur«. Denn an den Texten interessiert ihn nie ein Argument, sondern immer nur dessen »Atmosphäre « oder »Geschmack«.

Dieses kulinarische Missverständnis ist paradigmatisch auch für seinen eigenen Ton; er will bescheiden sein und klingt selbstgefällig, der »SZ«-Feuilletonist und Direktor des Marbacher Literaturarchivs verwechselt Theoriebegeisterung mit Personenkult und Narzissmus. So kommt beim Versuch, sich als polyglotten homme de lettre hinzustellen, der in allen Bibliotheken dieser Welt zu Hause ist, kaum mehr als ein Panorama aus Städte- und Prominentennamen heraus.

Und das endet bitter: Nach den Stationen Marxismus im roten Marburg, Strukturalismus im schönen Paris und (als letzte große Entdeckung/Erweckung) Aby Warburgs Bildwissenschaft in London ist die Geschichte in den achtziger Jahren zu Ende und Raulff in Berlin, wo ihn ausgerechnet Klaus Heinrich langweilt. Sein Fazit: Früher war Lesen aufregender und Theorie lebendiger. Allerdings: Nichts belegt das unfreiwillig besser als sein eigenes Buch.

Iris Dankemeyer

 

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