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Hidden transcript

Anarchismus ist keine Utopie, sondern Realität, meint der Politologe James C. Scott. Von Felix Klopotek

 

Am besten man spielt mit offenen Karten, der Effekt kann entwaffnend sein, man ist erst mal bereit, alles zu glauben und hinzunehmen: James C. Scott hat eine Apologie des Anarchismus geschrieben, die man mit Begeisterung liest – auch wenn einem die Haare zu Berge stehen. Wie das geht? Mit offenen Karten.

Scott ist im amerikanischen Universitätsbetrieb eine große Nummer, der Politologe und Anthropologe ist Professor an der Yale University, hat dort das Forschungsinstitut für Agrarfragen geleitet, er ist selber auch als Landwirt tätig. Er hat Pionierarbeiten über die Widerstandspraktiken südostasiatischer bäuerlicher Gemeinschaften verfasst, vor allem Weapons of the Weak. Everyday Forms of Peasant Resistance (1985) ist zu nennen. Irgendwann ist Scott, einem »normalen« Unilinken, der in der Bürgerrechts- und in der Antikriegsbewegung aktiv war, aufgefallen, dass er eigentlich nichts anderes tut, als genuin anarchistische Praxis zu untersuchen. Nicht nur das: Er selber hat sich in einem kühnen Entwurf daran gemacht, aus diesen Widersetzlichkeiten eine allgemeine Theorie der Subversion abzuleiten: Domination and the Arts of Resistance. Hidden Transcripts (1990). Scott blieb, wenn man so will, nichts anderes übrig, als sich selber zum Anarchismus zu bekennen. Er tut das auf eine achselzuckende, unprätentiöse Art, die einen sofort für ihn einnimmt. Hier spricht kein Ideologe, kein Marxismus-Geschädigter, eher einer der lebensnahen, freundlich-spirituellen, gewitzt- freakigen Pragmatiker, wie es sie vielleicht nur in den USA gegeben hat. Man muss ja erst mal darauf kommen, dass man zum Anarchisten wird, einfach weil es die Praxis ist, die man als teilnehmender Beobachter erforscht hat – und sich in ihr erkannt hat.

Applaus dem Anarchismus, sein jüngstes Werk und unverständlicherweise das erste, das auf deutsch erschienen ist – in einer kundigen Übersetzung von Werner Petermann, übrigens ebenfalls ein Anarcho-Ethnologe –, streift locker durch Scotts Themengebieteund kann daher auch als Einführung gelten. Scotts Pointe ist denkbar einfach: Anarchismus ist keine Utopie, sondern Realität. (Es gibt noch eine zweite Pointe, die Scott nicht so recht sein dürfte: Am Ende ist sein Anarchismus doch wieder eine Utopie, ein letztlich unerreichbares Fernziel. Aber dazu später.) Scott entdeckt im Alltagsleben – in all den unauffälligen Formen des nachbarschaftlichen Austausches, der selbstverständlichen Kooperation, der kleinen permanenten Regelverletzungen – einen naturwüchsigen, nicht spontanen, sondern besser anthropologisch konstanten Anarchismus. Wenn Menschen in der Lage sind, sich auf ihre konkrete Umwelt – die natürliche wie die soziale – einzulassen (der Staat will das verhindern), entwickeln sie Formen von Gemeinschaftlichkeit und Gegenseitigkeit, die nicht noch eine ihnen entfremdete Vermittlungsinstanz – eine außerhalb der Gemeinschaft stehende Zentralgewalt – benötigen. Scott ist kein Romantiker, kann und will also diese Gemeinschaftlichkeit nicht »rein« denken, sondern setzt sie immer in Bezug zur Allgegenwart des Staates. Staatliche Gewalt, so viel zum pessimistischen Einschlag des Buches, sieht er heutzutage als dermaßen verfeinert und universell an, dass er die vollständige Zersetzung außerstaatlicher Kooperationen für eine wahrscheinliche Option hält.

Sein Bezug zum Staat ist ein doppelter. Zunächst: in Konfrontation mit der Zentralgewalt verwandeln sich die Kooperationsformen in hidden transcripts, sie werden zum Schatten der Statistiken, zum Geflüster der dunklen Ecken, zum unausgesprochenen Diskurs. Scotts Arbeitshypothese ist, dass diese Praktiken sich der Erfassung entziehen. Er spricht von »Infrapolitik«, die »außerhalb des sichtbaren Spektrums der üblichen politischen Aktivitäten« liegt und sich »den Luxus öffentlicher politischer Organisation nicht leisten« kann. Infrapolitik sind etwa Bummelstreiks (Dienst nach Vorschrift), Fernbleiben, Wildern, Verstellen, Desertation und Flucht. »Warum das Risiko eingehen, für eine gescheiterte Meuterei erschossen zu werden, wenn auch eine Desertation den Zweck erfüllt?«

Das alles klingt schlüssig – und zugleich redundant. Denn Scott handelt sich schon auf der Ebene der Praxis das Problem ein, dass alles und nichts Infrapolitik respektive ein hidden transcript sein kann. Da es per se undefiniert ist – sein muss –, gilt auch der Umkehrschluss: Wo nichts Subversives sichtbar ist, kann alles subversiv sein. Ganz wie in dem müden Witz, wonach ein Arbeiter, der in der Halbzeitpause eines Fußballspiels zum Kiosk stapft, um sich mit Bier und Zigaretten zu versorgen, schon Arbeiterbewegung ist. Scott ist es in seinen ethnologischen Studien gelungen, sich der Redundanz zu entziehen und mit hoher methodischer Trennschärfe zu arbeiten. Somit ist er als Forscher, als Entdecker geheimen Wissens, genau die problematische – letztlich herrschaftsdienliche – Gestalt, gegen die sich die Sprecher der hidden transcripts verzweifelt zur Wehr setzen. Das Dilemma bleibt. Wo ist der Ausweg? An dieser Stelle kommt Scotts anderer Staatsbezug ins Spiel: Der Autor zeigt, dass staatliche Gewalt und moderne Gesellschaften (also bürgerliche, auf direkte Formen des Zwangs prinzipiell oder besser: vordergründig verzichtende) auf Voraussetzungen der gemeinschaftlichen Kooperation beruhen, die sie nicht erzeugen, die sie auch nicht erhalten können, die sich also immer wieder autonom erneuern. Hiddentranscripts sind also kein Wittgensteinsches »Worüber man nicht sprechen kann«, sondern der Widerhall einer notwendig außerstaatlichen Sphäre des Gemeinsinns. Und über diese Sphäre kann man sehr wohl sprechen, wie Scott nicht nur in seinen gelehrten Exkursen zur lateinamerikanischen und afrikanischen Gartenkultur demonstriert.

So sehr die subversiven Widerstandspraktiken sich dem System widersetzen, so sehr stabilisieren sie es auch. Denn diese Subversionen verschaffen den Leuten die Freiräume, die das Leben erträglich machen, und umgekehrt: Die Phantasie, die sie in diesen Räumen entfalten, können Staat und Kapital etwa als Arbeitskraft abschöpfen und zu ihrer Reproduktion verwenden. An dieser Stelle kippt es: Der Anarchismus wird Scott zur Utopie, kann die Schwelle vom hidden transcript zum gesellschaftlichen Diskurs, die Schwelle von der Voraussetzung zum realen Gemeinwesen nicht überschreiten. Nur konsequent, dass sich Scott einer Revolutionstheorie verweigert. Vielmehr schreibt er –wie immer mit Charme und Witz – eine Eloge auf den Kleinbürger, an der am Ende eine Apologie der kleinen Warenproduktion steht. Es fehlte nicht viel, und Scott wäre beim plattesten BWL-Jargon gelandet. In einer Fußnote räumt er das ein, wenn er »Kleinhandel und Kleinproduktion« als »Hauptantrieb für die Integration des Marktes« lobt: »Kleinbürger sorgen für Güter und Dienstleistungen zu konkurrenzfähigen Preisen mit einer Schnelligkeit, der größere und langsamer reagierende Firmen nichts entgegenzusetzen haben.« Er hält das für gesellschaftlich progressiv.

Wie gesagt, Scott spielt mit offenen Karten und behauptet nicht, über eine schlüssige Anarchismustheorie zu verfügen, die theoretische Metaebene will er vermeiden. Aber sie schleicht sich eben doch ein: Ist der Anarchismus nur ein quasi-immanentes Korrektiv der postliberalen Gesellschaft, oder kann er auch eine reale Bewegung der Aufhebung sein? Man kann sich um die Beantwortung dieser Frage drücken, aber sie verschwindet nicht.

Scott schreibt in Fragmenten, was ihn von dem Zwang zur Vollständigkeit entbindet. Man muss das deshalb erwähnen, weil sich in den linksradikalen, (post-)anarchistischen Szenen in den vergangenen Jahren eine Welle von »Wir erklären jetzt mal die ganze Welt«-Traktaten aufgetürmt hat, das bekannteste dürfte Der kommende Aufstand sein. Es spricht einiges für die Hilflosigkeit dieser Gruppen, die immer weniger die – wie es so schön heißt: theoriegesättigte – Einzelanalyse wagen wollen und sich dafür auf den abseitigen Feldherrenhügel träumen.

Work. Kapitalismus, Wirtschaft, Widerstand des amerikanischen Anarchonetzwerks Crimethinc ist so ein Rundumschlag. Die Systematik ist oberflächlich: Zwei Großrubriken stehen einander gegenüber, »Besatzung« und »Widerstand«, von der nur die erste grob unterteilt ist, wobei die Unterscheidung »Positionen – wo wir uns befinden« und »Mechanismen – wie es funktioniert« am sinnvollsten ist. Die Texte des sehr ansprechend gestalteten Bandes sind kurz und stehen unverbunden nebeneinander: Die Abfolge der Einträge lautet etwa »Chefs / Superstars / Fachleute / Mittleres Management / Selbstständige / Fabriken«. Alles muss irgendwie seinen Platz finden, die Erklärungskraft der einzelnen Abschnitte leidet darunter. Wo Scott subversives Handeln aus dem Alltag ableiten will, um dann behutsam seine Reichweite auszuloten, gehen die Crimethinc-Autoren von der Totalität eines mittlerweile geschlossenen Kapitalismus aus, die es ermöglicht, den Kapitalismus von allen gesellschaftlichen Positionen aus anzugreifen. Da hätten wir sie also: Bitte einmal Revolutionstheorie komplett, und sie fällt so aus, dass man unwillkürlich auf Scotts Applaus dem Anarchismus zurückgreifen will – als Digestif.

Sicher, das Urteil ist ungerecht: Work richtet sich an junge Aktivistinnen und Aktivisten und bietet ihnen weit mehr als die panisch betroffene Selbstbefragung nach vermeintlichen Privilegien. Crimethinc will wieder über Arbeit reden und darüber, dass erst aus dem Widerstand gegen kapitalistisch organisierte Arbeit so etwas wie Emanzipation denkbar ist. Dieser Anspruch, vorgetragen mit der street credibility amerikanischer Militanter, kann in einem narzisstisch mit sich selbst beschäftigten Milieu aus Nutznießern von Hausbesetzungen und Lordsiegelbewahrerinnen der AZ-Nischenkultur eigentlich nur Positives bewirken. Wer sich nach seinen ersten Kämpfen eine blutige Nase geholt hat (nein, nicht Straßenkämpfe, Arbeitskämpfe), möge dann als Narzissmus-Entziehungskur James C. Scott lesen: um festzustellen, dass die Tradition der Subversion eine sehr alte und sehr würdevolle ist.

 

Felix Klopotek schrieb in konkret 8/14 über den HipHop von Shabazz Palaces

 

James C. Scott: Applaus dem Anarchismus. Aus dem Englischen von Werner Petermann. Peter Hammer, Wuppertal 2014, 172 Seiten, 24 Euro

Crimethinc: Work. Kapitalismus, Wirtschaft, Widerstand. Aus dem Englischen von der BM-Crew. Unrast, Münster 2014, 352 Seiten, 19,80 Euro

 

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