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Kolossal

Peter Kusenberg über das Videogame »Shadow of the Colossus«

Ein Jüngling reitet durch eine menschenleere Landschaft zu einem Tempel. Dort bettet er ein lebloses Mädchen auf den zentralen Altar und erfährt, dass er die Geliebte retten kann, falls er 16 mythische Kolosse bezwingt. So beginnt eines der ungewöhnlichsten Spiele der Playstation- 2-Ära, das Hersteller Sony in einer technisch zeitgemäßen Form für die Playstation 4 aufgelegt hat: »Shadow of the Colossus«.

Dabei pfiffen die japanischen Entwickler auf Genrekonventionen und inszenierten die von Ruinen gespickte, naturwüchsige Welt ohne alberne Fabelwesen und nervtötende Banditen; der Spieler sammelt weder Heiltrünke noch Erfahrungspunkte, und seine beiden unverwüstlichen Waffen, Schwert und Bogen, genügen bis zum letzten Koloss. Auf dem Ritt zu jenen Riesenwesen herrscht eine beinahe heitere Stille, die nur Vogelzwitschern, Heulen des Windes und das Geklapper der Pferdehufe durchbrechen. Ernsthaft gestört wird die Ruhe erst später, sobald der Jüngling nach einiger Suche die Wohnstätte des Kolosses entdeckt. Hier beobachtet er, wie sich das eigenartige, traumhafte Wesen verhält, wo sich seine Schwachstellen befinden. Einzig an leuchtenden Stellen auf seinem Körper lässt sich der Koloss verletzen und töten. Dabei sieht jedes Riesenwesen anders aus. Mal ragt es als eine Art »Koloss von Rhodos« 70 Meter empor; mal krabbelt ein kolossaler Skorpion Wände hinauf, mal durchpflügt eine sagenhafte Midgardschlange einen See, während ein majestätischer Rochen durch die Luft schwebt. Die Kämpfe kosten Kraft, verlangen Geschick und Ausdauer. Nach dem Tod eines jeden Giganten befällt den Spieler eine Traurigkeit, die erst nach dem Beginn der nächsten Mission verfliegt.

Offensichtlich geht’s beim Kolosse- Töten nicht um Ehre, Nation, Weltrettung und anderen Ideologiekrempel, sondern vordergründig um die Liebe. Hintergründig geht’s um den Kampf gegen den »bewusstlosen Koloss des Wirklichen «, wie es ominös bei Adorno heißt, um den »subjektlosen Kapitalismus«, dessen Bekämpfung zum »Wahn des rebellischen Subjekts« wird. Das mag eine eigenwillige Interpretation des Zitats aus der Dialektik der Aufklärung sein; doch beim Anrennen gegen diese mächtigen Wesen, beim Festklammern an seinem Fell, wird das vage »Kolossal« in den Schriften von Karl Marx bis David Harvey für einen kurzen Moment greifbar, und ich mache den kurzzeitig befriedigenden »Leap of Faith von der eigenen Erfahrung zum Mitgefühl mit der Gesamtheit der Natur« (Harvey).

Peter Kusenberg

 

 

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