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Im Junkerland

Der gehypte Julius von Bismarck fabriziert Kunst nach Kolonialherrenart. Von Radek Krolczyk und Hannah Wolf


Whitewashing & Blackfacing: Julius v. Bismarck (Fotos: J.v.Bismarck / Courtesy: A. Levy)

Ein Künstler reist nach Mexiko, wählt dort eine Stelle in der Wüste und eine Regenwaldlichtung. Er organisiert örtliche Landarbeiter und Mayas, um beide Szenerien zunächst weiß anstreichen und dann in den ursprünglichen Farben kolorieren zu lassen – Stein für Stein, Blatt für Blatt. Zwei Videos und Fotografen zeigen den Prozess: Original, Weiß, Fälschung. Wäre der Künstler Santiago Sierra, wäre etwas von der Mühsal dieser nutzlosen Arbeit spürbar, der Schweiß, die Körperlichkeit, die Ausbeutung. Der Künstler heißt aber Julius von Bismarck. Ihn interessiert nur das Spiel um das Echte und das Falsche. Die indigene Bevölkerung braucht er als Arbeitskräfte, weil sie die Farben und Formen am besten kennen. Ausbeutungsverhältnisse und Landraub, unter denen die Bevölkerung leidet, kommen in Bismarcks »Landscape Painting« (2015) nicht vor. Dabei liegen diese Themen auf der Hand bei einem Vorhaben, das von mexikanischen Bauern und ihrem Land handelt.

Hätte man ihn auf diese Fehlstelle angesprochen, hätte der Künstler, der als sein eigener Pressesprecher auftritt, sicher gute Antworten gefunden. Er hätte kalkulierte Sätze gesagt, die sich kritisch anhören und die das sich aufgeklärt wähnende, aber doch bräsige Kunstpublikum gerne hört. Die Leerstelle aber bliebe bestehen. So geht es oft.

Julius von Bismarck wurde gerade mit dem Kunstpreis der Stadt Wolfsburg ausgezeichnet. Thema der drei eigens für die Preisausstellung realisierten Arbeiten ist die Natur als Macht. Für einen etwa halbstündigen Schwarzweißfilm begab er sich, mit einer Kamera bewaffnet, die statt 25 Bilder 2.500 pro Sekunde registriert, in das Zentrum des Sturms Irma, der im vergangenen Jahr Florida verwüstete. Das so produzierte Video ist beeindruckend: Die in Super-Slow-Motion gefilmten Palmen verwandeln sich in Körper, die sich sanft im Wind wiegen. Die Büsche scheinen ein- und auszuatmen. Natur wird belebt, sie wird zum Subjekt. Man passiert verwüstete Straßen, über die Blätter hinweggleiten. Der eigentlich peitschende Regen erscheint durch die Verlangsamung ätherisch und erinnert an Pollenflug. Sichtbar ist er nur vor dem Hintergrund der Pflanzen, die ihn vom grauen Himmel abheben. Eine Fahrt über die Straße an den abgesoffenen Häusern vorbei erzeugt das Gefühl, man schreite ein fotografisches Panorama ab.

Die Ausstellung nennt Bismarck »Gewaltenteilung«. Ein großer, explizit politischer Begriff. »Wir leben in einer Zeit, in der die Natur an die Stelle der Religion tritt. Naturgewalten haben also auch eine politische Dimension. Egal, ob die Klimapolitik verantwortlich gemacht wird für eine Flutkatastrophe oder einen Waldbrand … Die Natur ist voll in der Politik angekommen. Der Titel lässt offen, welche Gewalt genau gemeint ist. Das eröffnet eine politische Interpretation der gezeigten Naturgewalten vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Situation, aber eben auch jeder anderen Situation.« Es ist nicht mal das Schlimmste, dass hier bedeutungsschwanger nichts gesagt wird, nein, das Schlimmste ist: Vom behaupteten Politischen, also Gesellschaftlichen, ist in den Bildern nichts zu sehen. Diese Bilder hat niemand aufgenommen, der sich sorgen muss. Diese Bilder – so unverwackelt, rein und meditativ – kann nur Gott erschaffen haben. Er sitzt im Auge des Sturms; es ist Bismarck selbst mit seinem langen Bart.

Für einen Gott ist der 1983 geborene Großneffe des ersten deutschen Reichskanzlers allerdings recht jung. Seine frühe Kindheit verbrachte er in Riad, die Jugend in Berlin, wo er auch sein Studium an der Universität der Künste begann; seinen Master machte er in New York, um als Meisterschüler Ólafur Elíassons nach Berlin zurückzukehren. Ähnlich wie dieser ist Bismarck Kunstfabrikant. Kein Medium scheint ihm fremd zu sein. Seine Produktivität sowie der Aufwand für jede seiner Arbeiten: gigantisch. Dem Zufall überlässt er nichts, sondern den unsichtbaren Helferlein. Ein einzelnes Foto – ein Esel, der einen Karren zieht, auf dem wieder ein Esel steht – bedarf eines mehrwöchigen Tiertrainings. Die Kunstwerke erfordern Teamarbeit und Dienste von Spezialisten. Eine solche Arbeitsweise ist nicht ungewöhnlich. Sie passt nur nicht zur Selbstinszenierung als kleiner Junge mit Chemiebaukasten, der gerade wieder etwas Verbotenes gemacht hat.

Das Changieren zwischen kleinem Jungen und Gott hat System: Nichts ist ernst, dabei ist alles furchtbar ernst. Größenwahn und Ungreifbarkeit gehören zu beiden Rollen. Dass Bismarck sich nicht festlegen möchte, missversteht das begeisterte Feuilleton als Humor. Ausgangspunkt für »Punishment« soll, je nach dem, wer fragt, einmal der kleine Junge gewesen sein, der nutzlos auf einen Busch eindrischt, ein andermal der antike König Xerxes, der das Meer auspeitschen ließ. Bismarck selbst reiste für diese Videoarbeit zwischen 2010 und 2012 in die Schweizer Alpen, zum Grand Canyon und an den brasilianischen Strand. Mit seinen altmodischen Wolljacketts, dem mächtigen Bart und den langen Haaren, die mittlerweile dem Alter zum Opfer gefallen sind, erinnert er nicht zufällig an einen Junker. In der Hand hält er eine mehrere Meter lange Bullenpeitsche, mit der er auf Felsen, Wellen, Sträucher und Bäume einschlägt.

Seine furchtbar aufwendigen Arbeiten sind inhaltlich egal. Deshalb verortet er sie gerne im Politischen und bläht sie philosophisch auf. Schlimm wird es, wenn er tatsächlich politische Chiffren verwendet. 2012 war er zu Gast in der ZDF-Kultur-Talkshow »Konspirative Küchenkonzerte«, ein junges, popkulturell orientiertes Format. Hier verlangte Bismarck nach einem Publikum, das ausschließlich aus Afrikanern bestehen sollte, die gerade illegal eingewandert waren. Das »würde beim Zappen irritieren«. Daraus wurde nichts, das Publikum war weiß wie immer. Um das zu kompensieren, setzte der Künstler durch, dass alle – der Moderator, die ebenfalls eingeladene Band Ja, Panik, das Publikum, die Filmcrew und er selbst – mit schwarz bemaltem Gesicht auftraten. Anstoß daran nahm niemand, es fiel nicht weiter auf. Auf die Frage, was ihm spontan zum Stichwort Gewalt einfiele, sagt er heute: »Das sind momentan die Wellen auf dem Meer. Ich hatte mir ein kleines Motorboot in Italien gemietet, mit dem ich in etwas zu rauhe See geraten bin, für die das Boot zu klein war. Ich wurde zum Spielball der Wellen. Es war sehr schön, und ich hatte sehr viel Angst.« Was wohl die illegalisierten Afrikaner, die »beim Zappen irritieren«, dabei gedacht hätten?

Julius von Bismarcks Ausstellung »Gewaltenteilung« ist bis 3. Juni im Schloss Wolfsburg zu sehen.

Hannah Wolf und Radek Krolczyk kritisierten in konkret 6/17 die Documenta in Athen

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