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Der letzte Dreck (9)

… steht in den Buchbestsellerlisten, in den Musik- und  Kinocharts. konkret kümmert sich um die Entsorgung.

Söhne Mannheims: Marionetten
Aus dem Album »MannHeim«. Söhne Mannheims GmbH/Tompool

Der erste Begriff, der mir zu Xavier Naidoo einfällt, ist weich. Der nölende Sprechgesang – weich. Die dazu gespielte Fahrstuhlhintergrundmusik – weich. Das Gehirn, dem Sätze entweichen wie: »Für mich sind diese Engelsgeschöpfe die Automobile« – weich. Soul soll das sein, behaupten Naidoo und seine Fans, aber mit der virilen Energie eines Wilson Pickett oder der orgiastischen Kraft Aretha Franklins hat Naidoos Gewinsel nichts zu tun. Soul war und ist manchmal immer noch die temporär befreiende Musik des am härtesten unterdrückten Teils der amerikanischen Arbeiterklasse, der Soundtrack zu Samstag Nacht, wenn dieses vornehmlich schwarze Proletariat die Demütigungen und die Knochenbrecherei der Arbeitswoche vergessen will, nicht aber die Musik verwöhnter deutscher Heulsusen. Naidoo weiß das und will daher »wie ein Gallier dagegen angehen, gegen diese blinde Verherrlichung Amerikas«. Die asexuelle Glattheit der untanzbaren Musik komplementiert in jeder Hinsicht deutsche Texte, in denen das Ressentiment einer narzisstisch gekränkten Nation von Völkermördern freien Auslauf kriegt.

Nun fügte Naidoo mit seinen Söhnen Mannheims seinem bedauerlichen Werk das Album »MannHeim« mit dem Song »Marionetten« hinzu, der die früheren Positionen des Plastiksoulsängers wiederholt und weiter zuspitzt. Mittlerweile ist der nach eigenen Angaben gläubige Christ bei der 1:1-Wiedergabe von NS-Propaganda angekommen. Parlamente sind für ihn »Puppentheater«, für Goebbels waren sie »Quatschbuden«. Während Naidoo über demokratische Abgeordnete quäkt: »Ihr wandelt an Fäden wie Marionetten«, sprach Hitler 1941 in seiner Kriegsrede von »Juden und ihrem Franklin Roosevelt«. Letztlich krakeelt aus Naidoo Alfred Rosenbergs Wahn von jüdischen Verschwörern, die hinter den Kulissen die Welt regieren. Das ist die Marschmusik für Pegida, der Soundtrack zur AfD, der bösartige Klang des Nichtdenkens, die Beschallung der großen Dorfdisco namens Deutschland, in der regressive Idioten lustlos und grantig ihre Namen tanzen. Dumpfcomedian Michael Mittermeier verteidigt so was freilich als »schlimmstenfalls mittelmäßigen Kabaretttext« und nennt es eine »Hexenjagd«, dass unter anderen die Stadt Mannheim vorübergehend auf Distanz zu ihren Söhnen ging. Dass die »Hexenjagd« verkaufsfördernd wirkt, versteht sich von selbst.

Soul ist das nicht, denn wie der Name schon andeutet, braucht man, um einen solchen zu singen, eine Seele, im Idealfall eine mitfühlende. Die paranoiden Wahnbilder und Gewaltphantasien in »Marionetten« künden aber von Straflust, Lebensfeindlichkeit und der Projektion eigener Defizite auf Feindbilder. Es ist kein Zufall, dass Naidoos Musik so klingt, als stammte sie von lebensüberdrüssigen Greisen, die über die »moralisch verkommene« Jugend lästern.   

Bernhard Torsch

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