Aktuelles

aboprämie

To watch this video, you need the latest Flash-Player and active javascript in your browser.

Tomayers Video-Tagebuch

No-Go-Area Deutschland

Filmkritiken

Termine

Polizeifunk für alle!

 

Daniel Kulla hat sich Cops aus optimaler Entfernung angesehen: im Fernsehen

 

Vielen im Land ist die Polizei zu weit weg. Sie beschweren sich, dass sie mancherorts mehr als eine halbe Stunde zu denen braucht, die sie rufen. Zuweilen kommt sie in weniger dringenden Fällen erst einen Tag später oder gar nicht. Das hat mit Sparpolitik und dennoch niedrigen Kriminalitätsraten sowie hohen Aufklärungsquoten (aufgrund von Denunziation) zu tun, was in alternden Randzonen wie in jungdynamischen Familienvierteln jedoch wenig Trost zu spenden scheint und als politisches Thema meist eher unter nationalistische Besitzstandswahrung fällt.

Anderen wiederum rückt die Staatsgewalt viel zu sehr auf die Pelle. Nicht nur im Wahlkampf pflastern Einschüchterung von Protestierenden, Militarisierung des Erscheinungsbilds und der Einsatzmittel, Ausbau der Überwachung sowie Aushöhlung des Versammlungsrechts den Weg in die kontrollierte Öffentlichkeit.

In optimaler Entfernung sind die Cops nach allgemeinem Dafürhalten dort, wo Deutsche bevorzugt hinschauen, wenn sie nicht arbeiten oder einkaufen gehen: im Fernsehen. Dort patrouillieren sie in ständig neuen, überwiegend aus ihrer eigenen Perspektive erzählten Serien und Mehrteilern (2016: mindestens 16, 2017: neun) wie in ehrwürdig alten TV-Beiträgen – von halbwegs fiktiv über »scripted reality« bis zur Polizei-PR der Nachrichtensendungen – als schlichtende, klärende Vernunft durch die deutsche Welt. Die ungebrochene Popularität dieser Formate hat auch mit der Gewissheit zu tun, dass es einen im Sicherheitsabstand, also außerhalb von »Gefahrengebieten « und »Bereichen polizeilicher Maßnahmen«, im von der Staatsgewalt stets empfohlenen Aufenthaltsort, zu Hause, selbst nicht erwischt.

Dabei gibt es durchaus Nuancen, welchen konkreten Sicherheitsbedürfnissen und Gewissenspräferenzen die Darstellung gerecht zu werden versucht: als wacklige Weltgeist-Point-of-View-Cam, als aufgedrehter Reality-Ego-Shooter oder als »sozialkritischer« Downtempo-Gemütsfilm, bei dem man nebenher die Social-Media-Verpflichtungen erledigen kann.

Und da sind wir wieder beim vielgelobten Pluralismus. Je nach Geschmack und Selbstverortung setzen die Macher verschiedene Schwerpunkte bei der Rechtsbeugung oder kreativen Regelverletzung: für liberalere Geister das geschickte Austricksen von Staatsanwälten und Verdächtigen unter Bedingungen quasiautomatischer Unterwerfung und Mitwirkung der Bevölkerung, für knallhart Gesinnte Androhung und Einsatz von Gewalt samt Inszenierung passender Szenen (Flucht, Gefahr im Verzug).

So kann der elegante Kriminalhauptkommissar Lannert in der Folge »Stau« des Stuttgart-»Tatorts« ganze Menschenmengen dreist belügen, die zu Recht gegen polizeiliche Maßnahmen protestieren. Dabei hat er den Aufruhr selbst ausgelöst, als der Beamte mit circa 60.000 Euro Jahresgehalt einen um seinen Job bangenden und von Überstunden geplagten Autofahrer belehrt hat: »Man hat immer ’ne Wahl! Lesen Sie mal Ihren Arbeitsvertrag!« Woraufhin der ihm nicht etwa eine fegte, sondern sich lediglich über die unschöne Situation, von der Polizei zu Ermittlungszwecken in einem Stau festgehalten zu werden, zu empören begann.

Dauernd verschaffen sich die Einsatzkräfte unter Vorwänden (»Es ist kalt hier draußen«) Zutritt zu Privatwohnungen. Im gewohnt öden »Usedom-Krimi«, allseits gelobt für die im Vordergrund stehenden Frauenfiguren und die Polen-Darstellung, täuscht dein Freund und Helfer in der Folge »Schandfleck« das entscheidende Beweismittel vor und freut sich über »die illegale Überwachung vom Supermarkt – … in diesem Fall hilft uns die sogar!«

Am anderen Ende der Skala steht so was wie »Auf Streife« (Sat 1), wo die Ordnungshüter, sehr frei nach der Realität »gescripted«, triumphierend herummackern und ruppiger mit Recht und Regeln umgehen: Sie reizen Zwangsmaßnahmen aus, setzen Verdächtige unter Druck und brüllen einfach mal: »Weil ich das sage!« Oder der strukturelle Rassismus von »Achtung Kontrolle« (Kabel eins): »Polnisches Nummernschild, den ziehen wir mal raus.«

»Scripted« heißt aber: So soll »die Realität« dargestellt werden, so möchte sie gesehen und gezeigt werden, so einerseits fehlerfrei, andererseits fast komplett geschützt bei leider, leider erforderlichen ungesetzlichen oder halblegalen Maßnahmen, die im Fernsehen fast immer zum Erfolg führen, was sie im Nachhinein rechtfertigt. Und das Publikum erkennt in alldem die Wirklichkeit. Kürzlich meldete die DPA, dass immer mehr Zuschauer »Scripted reality«-Sendungen für real halten und mit entsprechenden Nachfragen bei der echten Polizei für Mehrarbeit sorgen.

Innerhalb der Polizei gibt es, im TV wie im echten Leben, die Spitzenbeamten und das Fußvolk, das manchmal nicht einsehen will, für ein Drittel des Geldes die Drecksarbeit zu machen und sich dafür noch belehren und von oben herab anmachen zu lassen. In den einschlägigen Formaten spurt es aber meist nach kurzem Aufmucken, fügt sich dem großen Ganzen, und der inszenierte Zusammenhalt der Truppe wirkt eher nach außen.

Dort draußen gibt es die lästige Presse, die einem »im Nacken sitzt«, lauter Willige und Arglose, die der Polizei am laufenden Band wertvolle Informationen liefern, aber auch die Widerspenstigen, die das Recht zu haben meinen, mit der Staatsgewalt nicht zu reden und sie nicht in die Wohnung zu lassen. Solches Verhalten ist entweder sofort verdächtig und in der Logik der Sendungen ein Frühwarnzeichen für tatsächliche Gesetzesübertretung bis Mitwisserschaft, oder es wird zwar nicht kriminellen, aber unsympathischen Charakteren zugeschrieben, die asozial, gemein oder naiv sind.

Auf (mögliche) Informanten werfen Medien wie Polizei einen ganz ähnlichen laienethnologischen Blick: Wer redet mit mir? Wer verarscht mich nur? Wer verpfeift gern? Wer verspricht sich was wovon? Oder wer kann einfach nichts für sich behalten? So kartografieren sie praktisch gemeinsam die Umrisse »kooperativen« Verhaltens und verstärken es pausenlos: das soziale Gegeneinander untereinander, das Miteinander nach oben.

Dazu werden Fallen gestellt, Versprechungen gemacht und falsche Eindrücke vermittelt. Den »Bullen von Tölz« in der Realität so zu nennen, ist ähnlich schlau, wie während Polizeimaßnahmen im Stau erkennbar mehrere Tüten zu rauchen, wie es im »Tatort« problemlos möglich ist.

Die Kommissare kriegen zum Schluss fast immer irgendwen, kommen mit fast allem durch, entscheiden recht frei, gegen wen sie »mit aller Härte des Gesetzes vorgehen« und gegen wen nicht – das ist leider so dicht an der bescheuerten Wirklichkeit, dass sich die Frage stellt, wann es, wenn doch der Unterschied für viele immer schwerer zu erkennen ist, die erste Provinzgegend ohne Polizeiwache, aber mit Polizeiserie gibt. Und wann die erste Demo stattfindet, die nur noch aus Schützenpanzern mit SEK besteht – Motto: »Da kann ja nichts mehr passieren!«

 

Zurück