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Der Reihungskünstler

Ein genialer Rhetoriker: Niemand setzt hochkomplizierte Stilmittel so virtuos ein wie der Feuilletonist Volker Weidermann. Eine Collage in 19 Motiven und 79 Fußnoten.

Von Joseph Wälzholz

1.Hyperbel: »Robert Walser … Betrachtungen über alles. Beobachtungen, Blicke, Augenblicke.«1 »Doderers Hauptwerke … Es geht um Österreich. Um die Entwicklung eines Menschen jenseits der politischen Ereignisse. Es geht um eine Welt von gestern ohne Sentimentalität und Verklärung. Es geht um sadistische Sexualität als Genuss. Um Beschimpfung als Befreiung. Es geht um eine präzise geschilderte Innenwelt. Um ein Gesellschaftspanorama. Um ein Leben jenseits der Geschichte. Es geht um alles.«2 »Dürrenmatt. Es geht noch einmal um alles. Um die Sterne. Um die vergehende Zeit. Sein Haus. Seine Bilder. Sein Werk. Die Dorer. Die Griechen. Atombomben. Neutronenbomben. Umweltzerstörung. Die Gnome, die Wahnsinnigen, die Weisen seines Werkes. Den Schreibtisch, der ein Schlachtfeld ist. Um Gott, die letzten Fragen und das Ende der Welt.«3 »Thomas Bernhard … Ein Künstler, der Künstler war mit letzter Konsequenz. Einer, in dessen Büchern es um alles geht.«4 »Die Geschichte von Durs Grünbein ist auch die Geschichte von einem, dem es von vorneherein um alles ging.«5 »In diesem Roman geht es um ungefähr alles. Um die Zukunft des Journalismus, um die Möglichkeit, ein moralisch einwandfreies Leben zu führen, um die DDR, den Feminismus, die Unmöglichkeit, Widerstand zu leisten, den Terror der Erziehung, die Sucht nach Sex, Vögel als Glückssymbole, Erderwärmung, atomare Bedrohung, einen Jesus von heute, gute Taten aus schlechten Motiven und vor allem um das Internet als totalitäres System unserer Zeit. Den neuen Roman von Jonathan Franzen, der auf Deutsch den Titel Unschuld trägt, also nur ein ehrgeiziges Projekt zu nennen wäre die Untertreibung der Saison.«6

 2. Polysyndeton: »›Bert!‹, ruft Zuckmayer nur, und die beiden lachen und lachen und lachen.«7 »Es ist widerlich und faszinierend. Es ist unheimlich und wunderlich und

verschwiemelt und freizügig und homoerotisch und körperbesessen und verrätselt und derb und dunkel. Sehr dunkel.«8 »Während des Weltkriegs dichtete er schwer und wertvoll und schwärmerisch und dunkel und sehnsüchtig und leidend«.9 »Dath rast und liebt und dichtet und weissagt und trauert und phantasiert«.10 »Na ja. Das ist der überstolze, einsame Jünger-Ton. In seinen Essays, und mehr noch in den Romanen und Erzählungen, oft zu prahlhänsig und stolz und schwer und einsam und gewaltig und ganz einfach kitschig.«11

3. Asyndeton enumerativum: »Die zwei Frauen, die Sonne, das Meer, die Drachen in der Luft, Badegäste aus aller Welt, der verehrte Dichter, ein sich langsam leerender Strand.«12 »Und auch das Meer ist dasselbe, der lange, weite Strand, die große, etwas zu breite Promenade, das geschwungene Casino mit der großen Terrasse, die Bistros, die kleinen Marmortische davor, die Badehäuschen aus Holz im Sand.«13 »Ein Strand in Belgien, weiße Häuser, Sonne, eine breite Promenade, kleine Bistros mit Blick aufs Meer.«14 »Erste Badegäste treffen ein, die Promenade belebt sich, Sonnenschirme, Männer in Badehosen, die Badehäuschen werden an den Strand geschoben.«15 »Auf der Promenade wuseln die Urlaubsgäste, Kinder mit bunten Hüten, Sonne, leichtes Leben.«16 »Seine Bücher sind schnell, klar, hart, kompromisslos, spannend, toll.«17 »Eifrig, leise, blass, kränklich, unauffällig, sprachbegabt.«18 »Die Kraft, die Schnelligkeit, die Angst.«19 »Eine Musik, eine Erfindung, ein Text, ein Buch.«20 »Familie, Bürgerlichkeit, Glanz, Feuilleton, Wichtigkeit, Selbstachtung«.21 »Banalitäten, Erstaunlichkeiten, Schriftstelleralltag, Feieralltag, Buchmesse, Buchgespräche, Geschäftigkeit, Gewöhnlichkeiten«.22 »Authentizität, Wahrheit, das Leben, das Leiden«.23 »Mathematik, Buffy, Sozialismus, Pop, die Zukunft«.24 »Schummrigkeiten, Abschweifungen, Dreideutigkeiten.«25 »Raben, Fledermäuse, Laufschweine, Wölfe, ein Luchs, ein weißer Tiger«.26 »Naturbetrachtung, Lebenspraxis, Geldnot, Liebesnot«.27 »Modernität, Montage, Großstadt, Zerstückelung, Vereinzelung, das Leben, die Kälte, die Wirklichkeit.«28 »Die besten Romane tragen schöne Reihentitel: Der Fleck, die Jacke, die Zimmer, der Schmerz … Eine Wohnung, eine Frau, ein Roman«.29

4. Asyndeton consecutivum: »›Schweinebraten, Rotkraut, Kartoffelklöße. Kein Zweifel.‹«30

5. Asyndeton summativum: »Das ist Welterkenntnis, Welteinordnung, Weltbändigung «.31

6. Syndeton: »Urlaubsstimmung, Ausgelassenheit, Eiscreme, Sonnenschirme, Trägheit, Wind und bunte Bretterbuden.«32 »Highway 101, Abendessen beim Chinesen in L. A., Zukunftspartys mit rätselhaften Mixgetränken, der Strand, die Palmen und die Sonne.«33 »Erstaunliche Autos, prachtvolle Häuser, herrliche Feste, Marlene Dietrich als Geliebte und eine wertvolle Gemäldesammlung. «34 »Pathos, Schmerz, Selbstüberschätzung, Selbstmitleid und eine diffuse Zukunftshoffnung.«35

7. Parataxe: »Wahrheiten. Reimrufe. Wortverwunderungen. Spracherkundungen. Weltverwünschungen. Alltagskopien. Liebeserklärungen.«36 »Celan liest leise. Eindringlich. Schnell. Sein Gedicht.«37 »Er klagt jeden an. Die ganze Welt. Das Schicksal. Gott. Nur nicht sich selbst.«38 »Bis zur Veröffentlichung des Buches lebte Johnson in Mecklenburg. In der DDR.«39 »Und hier: der Klassiker des Landes. Stalinist bis zuletzt. Stolz. Beleidigend und beleidigt. Pries den Bau der Mauer. Lobte die Ausweisung Wolf Biermanns.«40 »Dieser Mann hatte von Anfang an die deutsche Gegenwart im Sinn. Die deutsche Wirklichkeit. Den Schmutz, die Wahrheit und den Witz. Hessen, Frankfurt, Bahnhofsviertel. Die Welt des Verbrechens. Keine Literaturhauswelt. Keine Literaturstipendiatenwelt. Bordelle. Asylbewerberheime. Zuhältervillen. «41 »Daten. Fakten. Grundlegendes.«42 »Das Ende der Welt. Das Ende der Menschheit. Das Zeitalter der Langeweile«.43 »Da kann man schon mal weiterblättern.«44

8. Kyklos: »Gedichte. Nur Gedichte. Siebenhundert Zuhörer sind gekommen. … Und die drei rocken den Saal. Zweieinhalb Stunden lang. Mit ihren Gedichten.«45

9. Conduplicatio: »Es ist so weit, so weit zurück.«46

10. Contriplicatio: »Fotos, Fotos, Fotos. «47 »Ja, ja, ja.«48 »›Gar nichts, gar nichts, gar nichts.‹«49 »›Gute Nacht. Gute Nacht. Gute Nacht. Shantih Shantih Shantih.‹«50

11. Homoioteleuton: »Böll war nah. Böll war da.«51

12. Repetitio: »Das Tolle an Böll: Er hat immer gekämpft. Er hat sich immer gewehrt. Er hat immer zurückgeschrieben.«52 »Das konnte man sehen. Das konnte man lesen.«53 »Hinaus. Hinaus. Das Leben ist anderswo. Das Leben ist jetzt. Niemand hat die Gegenwart so ernst genommen wie er, das Leben, die Menschen, die Musik, die Straßen, die Filme, den Schmutz der Gegenwart. Das Hier. Das Heute. Alles aufgeschrieben. Und dabei so radikal und unbedingt ein anderes Leben eingefordert. Eine andere Literatur. Andere Menschen. Andere Gedichte.«54 »Und alles sollte schnell gehen. Sehr schnell.«55

13. Symploke: »Ein solches Buch hat es danach nicht wieder gegeben. Ein solches Buch wird es nie mehr geben. Es ist ein Finale. Ein Schlusspunkt.«56 »Aber die Kraft ist noch da. Die Kraft zum Schreiben. Kraft der Worte. Der Schriftsteller Wolfgang Hilbig ist ein Ereignis. Ein Sprachereignis.«57 »Sex, sehr viel Sex. Nazis, sehr viele Nazis. Politische Brisanz. Biologie- und Chemieträume, Zukunftsvisionen, Sektenglück«.58

14. Epanalepse: »Tauben im Gras, das war etwas. Das ist etwas. Rasant schnell erzählt. Schnelle Schnitte. Filmisch radikal. Hier leuchtet es kurz auf. Dann wieder dort, an unvermutet anderer Stelle: ein Tag in München 1951. Wir sehen: einen mittellosen Arzt, der seinen Lebensunterhalt mit Blutspenden verdient, einen Schriftsteller, der nicht mehr schreiben kann, einen schwarzen Amerikaner, der vor deutschen Rassisten nach Paris fliehen möchte, um dort als Kneipenwirt zu arbeiten, Untergangsfeste, normalen Bierkellerwahnsinn, Sex mit Kindern, Filmhelden, Trinker, Modedichter, Verzweiflung, Angst und Angst. Alles läuft auf nichts hinaus. Auf die Nacht. Auf das Ende eines Tages. In Deutschland. Drei Jahre nach dem totalen Krieg.«59 »Eine Reise in die Welt, eine Reise zu sich selbst.«60 »Jetzt hat er Geschichten geschrieben. Geschichten«.61

15. Epipher: »Ja, das war ein Zauber. Ein Leidenszauber, Wörterzauber.«62 »Oh ja. Unser Poet. Mein Poet.«63 »Sie hatte Beruhigungsmittel genommen. Legte sich ins Bett. Allein. Mit einer brennenden Zigarette. Das Bett fing Feuer. Das Nachthemd fing Feuer.«64

16. Chiasmus: »Sie waren einmalig. Solange es dem Staat politisch passte. Mitunter passte es dem Staat nicht.«65

17. Anapher: »Hier war es anders. Hier im Osten.«66 »Dieser Mann war eine Waffe. Dieser Mann war der Hass und die Liebe.«67 »Er weiß, dass das alles enden kann und wird. Er weiß es.«68 »Die Möglichkeit eines großen Ereignisses. Die Möglichkeit eines Krieges. Die Möglichkeit einer grandiosen Zukunft«.69

 18. Geminatio: »Verständnislosigkeit. Ablehnung. Schweigen. Und sonst nichts? Ah nein, nein. Da ist er. Der Lichtstrahl.«70 »Das konnte, kann sonst keiner. So klar, einsam, stark, hell, wundersam, hoffnungslos, weise, wissend, fragend und einfach sehr, sehr schön«.71 »Es ging gut. Es ging sehr, sehr gut.«72 »Auf Zettel schreiben. Immer wieder Neuigkeiten, alte Funde auf Zettel, Zettel, Zettel schreiben.«73 »Hilbig arbeitet und arbeitet und gräbt für die Sprache tiefe, tiefe Höhlen.«74 »Das späte, späte Kind, das sie war.«75 »Es gibt eine Geschichte, die war nicht ganz so erfolgreich wie all die anderen Dinge, die er schrieb, obwohl sie wunder-, wunderschön ist und eigentlich fast die schönste«.76 »Ein Studium, ein langes, langes Studium«.77 »Mann, mann, mann. Ist das alles grau hier. Und schlecht gelaunt. Und mühsam, mühsam dem Leben abgetrotzt. Und dem System. Und der Sprache. So wenig Eleganz. So wenig Witz.«78

19. Interjektion: »Utopie im Weltall. Mit ein, zwei Margaritas – toll!«79

 Joseph Wälzholz findet die Kürzel der »Spiegel «-Autoren Volker Weidermann (»vw«) und Georg Diez (»god«) ein bisschen lustig

 

1 Lichtjahre. Eine kurze Geschichte der deutschen Literatur von 1945 bis heute. 4. Auflage, Köln 2006, S. 42. Im Folgenden zitiert als: Lichtjahre.

2 Ebd., S. 35.

3 Ebd., S. 147.

4 Ebd., S. 168f.

5 Ebd., S. 248

6 »Der Spiegel«, 29.8.2015, S. 118.

7 Lichtjahre, S. 29.

8 Ebd., S. 45.

9 Ebd., S. 106.

10 faz.net, Kurzlink: bit.ly/1zLI63n.

11 Lichtjahre, S. 50.

12 Ostende 1936, Sommer der Freundschaft. Köln 2014, S. 12. Im Folgenden zitiert als: Ostende.

13 Ebd., S. 24.

14 Ebd., S. 39.

15 Ebd., S. 65.

16 Ebd., S. 67.

17 Lichtjahre, S. 64.

18 Ostende, S. 32.

19 Lichtjahre, S. 170.

20 Ebd., S. 225.

21 »Der Krieg, das Geld, die Gier«. In: »FAS«, 1.3.15, S. 33.

22 Lichtjahre, S. 282.

23 faz.net, Kurzlink: bit.ly/182NMym.

24 faz.net, Kurzlink: bit.ly/1zLI63n. deutigkeiten«.

25 faz.net, Kurzlink: bit.ly/1zLI63n.

26 faz.net, Kurzlink: bit.ly/1zLI63n.

27 faz.net, Kurzlink: bit.ly/1BCklAU.

28 Lichtjahre, S. 27f.

29 Ebd., S. 176.

30 faz.net, Kurzlink: bit.ly/1BiHaaV. Diese Worte stammen von Michael Lentz und haben Volker Weidermann naturgemäß beeindruckt.

31 Lichtjahre, S. 50.

32 Ostende, S. 6.

33 faz.net, Kurzlink: bit.ly/1wszZNo.

34 Lichtjahre, S. 27. 35 Ebd., S. 34.

35 Ebd., S. 34.

36 Ebd., S. 60.

37 Ebd., S. 59.

38 Ebd., S. 34.

39 Ebd., S. 60.

40 Ebd., S. 111.

41 Ebd., S. 266.

42 faz.net, Kurzlink: bit.ly/1Gy2U2R.

43 faz.net, Kurzlink: bit.ly/1zLI63n.

44 Lichtjahre, S. 66.

45 Ebd., S. 90.

46 Ebd., S. 118. Der Mann ist ein Ereignis. Ein Sprachereignis: Volker Weidermann (r.) im »Literarischen Quartett«

47 faz.net, Kurzlink: bit.ly/182NMym.

48 Lichtjahre, S. 64.

49 faz.net, Kurzlink: bit.ly/1ETw1Nc. Diese Worte stammen von André Müller und haben Volker Weidermann naturgemäß beeindruckt.

50 faz.net, Kurzlink: bit.ly/1zLI63n. Diese Worte stammen von Dietmar Dath und haben Volker Weidermann naturgemäß beeindruckt.

51 Lichtjahre, S. 54.

52 Ebd., S. 55.

53 Ebd., S. 56.

54 Ebd., S. 78.

55 Das Buch der verbrannten Bücher. Köln 2008, S. 14.

56 Lichtjahre, S. 20f.

57 Ebd., S. 129.
58 faz.net, Kurzlink: bit.ly/1BYbgRL.

59 Lichtjahre, S. 56f.
60 faz.net, Kurzlink: bit.ly/1wszZNo.

61 faz.net, Kurzlink: bit.ly/194GfAE.

62 Lichtjahre, S. 62.

63 Ebd., S. 79.

64 Ebd., S. 62.

65 Ebd., S. 41.

66 Ebd., S. 36.

67 Ebd., S. 78.

68 Ebd., S. 236.

69 Ostende, S. 7.

70 Lichtjahre, S. 29.

71 Ebd., S. 48.

72 Ebd., S. 65. 73 Ebd., S. 67.

74 Ebd., S. 122.

75 Ebd., S. 160.

76 Ebd., S. 193f.

77 Ebd., S. 278.

78 Ebd., S. 122.

79 faz.net, Kurzlink: bit.ly/1wszZNo. 

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