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Zum Tod von Roger Willemsen

08.02.2016 16:11

 

»Da tritt der ganze Mensch heraus«

Der Autor und Fernsehmoderator Roger Willemsen ist tot. Seine steile journalistische Karriere begann Willemsen bei der Zeitschrift konkret. Die Redaktion veröffentlicht an dieser Stelle einen Beitrag von ihm aus Heft 3/1990 über die Sprache des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker.

Es ist mir eine ganz besondere Freude, heute mit Ihnen zusammenzusein. Bei meinem kurzen Besuch habe ich mich überzeugen können, daß hier mit Ernst und Engagement gedacht und gearbeitet wird. Das hat mich sehr beeindruckt.  

Wenn Sie ihn je erleben sollten, dürfte Richard von Weizsäcker Sie voraussichtlich so oder ähnlich begrüßen. Sie erkennen ihn daran, daß er immer beeindruckt und immer dankbar ist und immer voller Bedeutung, denn er hat, um ein Wort Oscar Wildes abzuwandeln, nie etwas zu sagen, aber er sagt es entzückend; dem afrikanischen Präsidenten: »Uns Deutschen liegt das Wohlergehen Tansanias besonders am Herzen«, der holländischen Königin: »Ihr Land, Majestät, tritt nicht durch geographische Weite hervor«, den deutschen Arbeitgeberverbänden: »Sie haben nie den Eindruck aufkommen lassen, als wäre Verdienen durch Leistung etwas Unanständiges«, den Musikern: »Ihr Spiel zeigt, daß Freude nicht durch Nichtstun und Weltschmerz entsteht«, den Turnern: »Im Turnen wird Trennendes überwunden«, den katholischen Frauen des Diözesanverbandes Paderborn: »Denn wenn wir eine humane Gesellschaft sind und bleiben, dann liegt es in erster Linie an unseren Frauen.« Er ähnelt also Kohl, Karl Kraus hätte gesagt, 'wie ein faules Ei dem anderen', wirkt aber weniger überbrütet. Nun würden wir einen Mann, der von sich selbst sagt: »Ich bin kein Vakuum-Besetzer«, sein Leben aber mit der Vermehrung des rhetorischen Jahresmülls zubringt, in anderen Zusammenhängen 'unglaubwürdig', würden ihn angesichts seiner permanenten Exaltation und Übertreibung möglicherweise 'falsch' nennen, und wenn er sich gleichzeitig von den deutschen Jugendfeuerwehren, vom Kirchentag, vom Tennisspiel, von der Weltkonferenz des Pfadfindertums und der pneumatischen Bereifung durch Dunlop zu superlativischer Gefühlsentwicklung begeistern ließe, dann würden wir wohl sagen, er ist hysterisch oder anderweitig zu berücksichtigen.  

Anders bei Richard von Weizsäcker. Gleichgültig, daß seine Gedanken meist keine sind, sie gelten als profund, nebensächlich, daß seine Standpunkte allenfalls aus Stimmung bestehen, sie gelten als erhellend, und selbst seine Gefühle werden geglaubt und als Resultat der Aufgabe, all das zu fühlen, was wir selbst nicht fühlen können, wie etwas Eigenes begrüßt – wodurch es insgesamt fast unmöglich wird, sich zu Weizsäcker in Widerspruch zu setzen. Während es also außerhalb des Präsidenten schwer geworden ist, individuelle Erfahrungen zu machen, fällt es ihm offensichtlich schwer, keine zu machen, deshalb formuliert er immerzu mit dem Nachdruck von: »Etwas Warmes braucht der Mensch!« Und da sein Amt laut Verfassung die »Staatspflege« und die »Schaffung von Staatssymbolen« ist, spricht eigentlich nicht er, ES spricht, und deshalb achten wir weniger darauf, was es sagt, sondern sind bezaubert, daß es von uns weiß, von unseren 'Sorgen und Nöten', die im Mund des Politikers so eng zusammengehören wie 'Black und Decker'.  

Richard von Weizsäcker liegt in der Geheimrat-Tradition der guten Deutschen, auf der Linie, die von Goethe über Gerhard Hauptmann zu Max Grundig und Heinz Drache führt, er genießt den größten Starruhm, den je ein deutscher Präsident errang, sogar Hans Magnus Enzensberger räumt ein, der Präsident bemühe sich erfolgreich, »die moralische und ästhetische Situation der Republik erträglicher zu machen, soweit das die Grenzen seines Amtes erlauben«, und er habe »eine Art von Glaubwürdigkeit gewonnen, die anderen Politikern völlig abhanden gekommen« sei. Dieser Gedanke ist so konservativ, daß er von Weizsäcker selbst stammen könnte, denn nicht nur ist die ästhetische Situation des Landes völlig nebensächlich im Vergleich mit allen anderen Situationen, in denen es sich befindet, sie verbessert sich auch nicht im geringsten durch das hübschere sittliche Outfit eines Präsidenten, der das Nicht-Ästhetische geschickter kaschiert und deshalb gerade gefährlicher ist. Nur auf staatstreuer Basis aber kann man 'Glaubwürdigkeit' überhaupt als eine politisch relevante Kategorie verkaufen. Was soll es schließlich an einem Politiker zu glauben geben? Entweder heißt das, mit ihm stehen wir gut im Ausland da, sie nehmen uns nicht für das, was wir sind, dann ist seine Glaubwürdigkeit jene gelungene Irreführung, auf die wir offensichtlich angewiesen sind. Oder es heißt, daß man ihn über längere Zeit nicht beim öffentlichen Lügen erwischt hat, und das liegt auch bei Weizsäcker nur daran, daß man sich noch nicht die Mühe gemacht hat, all seine Reden zu vergleichen und ernst zu nehmen. Genau genommen ist er nämlich per definitionem alles andere als glaubwürdig. Er sagt, er trauert, aber er trauert nicht, er sagt, er ist betroffen, aber betroffen ist er nicht. Er darf nie beim Wort genommen werden, denn er redet Fiktion und ist mehr als jeder andere das Produkt seiner eigenen Erzählung. In Wirklichkeit besteht der Weizsäcker-Effekt darin, daß es niemand kümmert, ob er die Wahrheit sagt, die wenigsten wissen ja überhaupt, was er sagt, schenken ihm aber blindlings, was er fordert, damit die schöne Geschichte wahr werde: Glaube.  

Weizsäcker wurde in massenpopulärer Weise gut durch beherzte Kritik am Nationalsozialismus. Nun ist in Deutschland kein Titel so billig zu haben wie der, ein aufrechter Demokrat zu sein, wenn man nur hingeht und – natürlich ohne kritische Verbindlichkeit gegenüber dem eigenen Staat – Hitlerdeutschland kritisiert: »Gewaltherrschaft«, »Unrechtsregime«, »menschenverachtendes System«, »Irrweg der deutschen Geschichte«, eine rhetorische Steigerung des Drastischen wie bei den Titeln von Kung-Fu-Filmen: »Die Killerkralle« oder »Täglich knirschen Knochen«. In den letzten Jahren ist diese Form der saftigen Hitler-Kritik immer heftiger geworden, und es könnte geradezu der Eindruck entstehen, keine Zeit habe Hitler so gehaßt wie unsere, die wie zum Beleg ihrer Harmlosigkeit zeitgleich die »Republikaner« hervorbringt und deren Gesinnungen ja seit Jahren in der »FAZ« und andernorts publiziert. In Wirklichkeit besitzt die Kritik am Nationalsozialismus für die Demokraten vor allem einen unschätzbaren Vorteil: Sie ist völlig folgenlos, trifft auf keinen nennenswerten Widerstand, wirft aber ein starkes moralisches Profil ab. Deshalb werden in der populären Faschismuskritik nur noch rhetorische Schlachten um die Prädikate geschlagen: eloquent bereut, virtuos verurteilt, brilliant verabscheut, und da Weizsäcker als der Titelverteidiger im deutschen Volkstrauern mit der gravitätischen Unverbindlichkeit spricht, die man als Ausdünstung seines Amtes regelrecht genießt, erlaubt man ihm ein Palaver von Machtworten, in dem die Geschichtsschreibung sachlich wieder auf ihre Vor-Hitler-Statuten zurückgebracht wird: Da gibt es verbrecherische und paranoide Einzeltäter, Machtergreifungen, nicht: Machtübernahmen, gibt es »Gewalt, Not und Tod« und eine völlig erneuerte glanzvolle Epoche der Demokratie, die als das schlechthin Andere und Gute aus dem Trümmerstaat der Kriegszeit aufsteht.  

Die Wunde Auschwitz besteht für Patrioten auch darin, daß der Deutsche nicht in Identität mit seiner Geschichte leben, daß er sich nicht positiv herleiten kann. Weizsäckers Aufgabe besteht darin, die Wunde zu schließen und diese Identität zu stiften, etwas, das nur gelingt, indem man an Auschwitz erinnert, um es durch Erinnerung zum Verschwinden zu bringen. Sicherlich gehört es zu den fatalen Folgen des Nationalsozialismus, daß er den Begriff der politischen Kritik in der BRD völlig ausgehöhlt und durch Sentiment und Gutwilligkeit ersetzt hat, weshalb die schlimmsten Ideologen unserer Zeit die Hitler-Kritik als Gütezeichen auf der Stirn tragen und man geradezu erwarten kann, daß die Radikalen des Inhumanismus nicht aus dem Geist des Nationalsozialismus, sondern aus der Kritik am Nationalsozialismus aufstehen werden. Ohne öffentlich wenigstens einmal richtig böse auf Hitler gewesen zu sein, kann man in Deutschland nicht gut werden. Deshalb ist hier keine Gesinnung so leer wie diese.  

Eine zweite Klimax der Popularität erreichte Weizsäcker mit der Forderung nach einer »neuen Sittlichkeit«. Damit verhält es sich prinzipiell nicht anders: Man hört es nicht ungern, denn mehr Moral kann ja nie schaden. Im übrigen ist eine solche Forderung so sinnvoll wie es die nach neuem Wetter wäre und genauso folgenlos, abgesehen von der Tatsache, daß einen die Menschen hernach unweigerlich für gut halten. Solche gedanklichen Figuren sind deshalb nicht einfach 'geistig unbeschenkt', sondern sie haben den Effekt, den 'Weizsäcker' in uns zu wecken, ein Individuum, das sich die Weltgeschichte gerne unter den Begriffen Toleranz, Geduld, Besinnung und Lebensfreude aneignet, also völlig unsachlich und ohne die Absicht, irgendetwas von dem zu verändern, was man im selben Atemzug 'bedrückend', 'unmenschlich' und 'unerträglich' nennt. Das führt dazu, daß alle Änderungen 'langfristig', 'mit Augenmaß' und 'ohne falsche Übereilung' eingeleitet werden, während Natur und Dritte Welt politisch unseriös werden, weil sie kurzfristig sterben und in falscher Übereilung.  

Gewiß, Weizsäcker spricht mehr von diesen Dingen als andere Präsidenten, aber er hat eben auch mehr unter den Tisch zu kehren, und das tut er mit beeindruckendem Aufwand an teilweise ungeschickt ausgedachtem Nonsens und starken Stimmungen. Wenn man eine Stimmung für die Weltkatastrophe des Hungers sucht, dann werden die meisten wohl sagen: Besorgt ist besser als dickfellig. Wie macht man sich also besorgt? Man sagt: 'Ich bin besorgt...' – das tut Richard von Weizsäcker. In seinem Mund erhält der Hunger etwas überwältigend Unsachliches, Immaterielles, auch Gottgewolltes und zugleich Empfindelndes, er wirkt nicht als Hunger, sondern als dunkle Farbe auf der Palette, als Schattierung und Dissonanz, gegen die sich die fröhlichen Farben der westlichen Wohlstandsdemokratie und des hiesigen Optimismus desto lebhafter abheben. Ein Mann, dessen Hauptaufgabe im Glasheben Essen und Feiern besteht, kann per definitionem nicht glaubwürdig Hunger beklagen. Seine Erscheinung ist wie sein nirgends zuständiges Amt eine Satire auf die Verhältnisse, zu deren Betrachtung er anreist und die er dort nur als graumelierter Staatscupido überfliegt.  

Für sein Amt aber bedeuten diese Ausflüge in die Realität vor allem: Je mehr Elend, desto mehr Dinge, die man irgendwann einmal 'das drängendste Problem' nennen muß, wie etwa den Naturschutz Dieser Dringlichkeit verleiht er in der Weihnachtsansprache die Worte: »So haben wir Vieles zu lernen und zu tun. Das gilt auch für die Natur selbst. Wir dürfen sie nicht immer weiter beschädigen.« Und alle die unter uns, die täglich hinausgingen, um ein bißchen die Natur zu beschädigen, gehen statt dessen in sich und beschädigen nicht mehr, belohnt vom Präsidentencredo: »Die Hoffnung führt uns weiter als die Furcht. Es gibt keinen Grund zu verzagen.« Man denke sich diese Sätze einmal nicht vor dem stabilen westlichen Bauch, sondern im schwarzen Hungerkontinent gesprochen, und man erkennt, daß es sich um zynische Sätze handelt. Sie beschreiben eine solche Verleugnung der Realität der dortigen Völker, daß man sie ebenso rassistisch nennen könnte wie man die Aussage, die Juden hätten es damals vorgezogen zu verbleichen, antisemitisch nennen würde. Das Wort 'Hoffnung' ist eine Verspottung derer, die sicher sein dürfen, gerade auf Weizsäcker keine setzen zu können. Denn er wird heimfahren und dieses Elend als 'beunruhigendes Problem' verkaufen, eine Technik, die Menschen mit einem Problem zwar zu berühren, aber nur um sie dagegen zu impfen. Nicht mit vergangenen Übeln, wie dem Nationalsozialismus, sollen wir uns abfinden, aber letzten Endes mit jedem zeitgenössischen. Darin ist Weizsäcker allerdings glaubwürdig.  

Für diese Beruhigung und Aufhebung aller Probleme im Ewigen steht für ihn der Begriff der Geschichte ein, ein Begriff, den er immerzu im Munde führt und den er deshalb genau kennt: »Unsere Gegenwart ist nichts anderes als der Augenblick der Geschichte, der uns gegeben ist«, und »Unsere Gegenwart ist der Augenblick im Ablauf der Geschichte, der uns zugehört«, schließlich: »Meine Überzeugung ist, daß im zentralen europäischen Bereich die Geschichte jeden Zustand verändert hat.« Genauso war Hennes Weisweiler der Überzeugung, von einer Weltmeisterschaft zur nächsten sei die spanische Fußballnationalmannschaft vier Jahre älter geworden, »besonders in der Abwehr«. Geschichte ist nun einmal der Inbegriff der Veränderung, nicht nur im »zentralen europäischen Bereich« und vor allem auch ohne die »Überzeugung« des Präsidenten. Entweder kultivieren also solche Sätze die intellektuelle Tradition Heinrich Lübkes oder sie erfüllen eine andere Funktion als die, wahr und überzeugt zu sein. Sie erheben das Faktum, daß sich die Zeiten ändern, zum Trost dafür, daß sie sich nicht im Sinne der Betroffenen ändern.  

So wird Weizsäcker zu einem einzigen Argument gegen den Anspruch, mit der politischen Realität der Misere eigene Erfahrungen machen zu wollen. Er beweist, daß man als Denkender besorgt und optimistisch und konservativ sein kann. Wer aber noch Erfahrungen mit der Wirklichkeit macht, der weiß: Der Präsident ist Teil dieser Katastrophen, indem er sie unter Staatsschutz stellt. Er ist die Katastrophe selbst, er ist Rösner, denn er redet mit der Pistole am Kopf seines Gegenübers, mit der Macht, nicht nur nichts zu tun, um sie abzuwenden, sondern auch auf massenhaft vorbildliche Weise nichts zu tun. So, mit seinem Amt an und in unserem Kopf, ist er der erste Geiselnehmer für seinen Staat – und das nicht zuletzt kraft seiner Offenheit für Reformen. Er weiß um die Folgen einer Reaktorkatastrophe, aber was hat er dagegen anzubieten? »Energiefibeln und andere Förderungsmaßnahmen«, im übrigen eine bedächtige Umstellung in »30 bis 40 Jahren«. Das erinnert an Jürgen Möllemanns Bereitschaft, zum Aids-Test zu gehen, »sobald ich das geringste Gefühl hätte, infiziert worden zu sein«. Man gewinnt den Eindruck, es passiert etwas, und das ist noch schlimmer, als wenn gar nichts passierte. Dann nämlich würde vermutlich Widerstand laut. Statt dessen ist die Art von Infinitesimalreform, für die Weizsäcker überall eintritt, die einzige, mit der man Menschen todsicher zu Tode sediert. Wenn der Präsident das meint, wenn er sagt, seine Aufgabe bestehe vor allem darin, Bewußtsein zu bilden, dann kann man vor diesem Bewußtsein nur warnen, es geht ihm zu vieles verloren. Anders gesagt: Weizsäckers Aufgabe ist es, Bewußtsein zu verhindern, das ist eine politische Aufgabe, denn wir wissen, daß Politik zu einem guten Teil kraft der Dinge funktioniert, die wir nicht über sie erfahren, daß also Unwissen zu verbreiten und Undurchsichtigkeit zu schaffen, staatserhaltende Aufgaben sind. Keine Frage, daß deshalb alle Präsidentenreden über den Hunger Afrikas, die zerstörte Natur, die Gefahren der Kernenergie etc. eines Tages nur eine Reaktion zeitigen werden: Wir haben es nicht gewußt. Diesmal nicht, weil wir es totgeschwiegen, sondern weil wir es uns haben totreden lassen.  

Wie käme denn aber auch einer, der vor seiner Wahl zum Präsidenten 30 Jahre lang erfolgreich CDU-Politik vertreten hat, plötzlich zu radikaleren Standpunkten? Sicher, radikaler ist er schon geworden, aber nur sprachlich: mehr Superlative fürs Leid, mehr Komparative für die Moral. Wahr ist aber, daß es Dinge gibt, die vertragen keine Reform, sondern nur Radikalität. Aufgefordert, eindeutig zu werden, beruft sich Weizsäcker auf den geknebelten Status seines Amtes, der ihn zwar selten gehindert hat, nachdrückliche konservative Voten abzugeben, bei Fragen der Dritten Welt aber heißt es, er werde den Politikern »nicht ins Handwerk pfuschen« . Als Antwort auf die Hungerkatastrophen, die das eigene Land mitverursacht, der Verweis auf die guten Manieren. Ettikette vor Caritas, das entspricht der Hitliste bürgerlicher Tugenden, aber wäre es denn wirklich ein Zufall, daß der CDU-Politiker mit dem humansten Habitus ausgerechnet der ohne Entscheidungsgewalt ist? Wohlgemerkt ein Politiker, der sich für die Humanität erst entschied, nachdem er von Amts wegen nichts mehr für sie tun konnte?  

Nun kennt aber auch der Präsident die Widersprüche seiner Moral gut genug, um zu wissen, daß man sie bei genauerem Hinsehen doppelt nennen könnte, und deshalb hat er sich eine weitere Überzeugung ausgedacht, und zwar, die Moral komme im Grunde überhaupt nur doppelt vor. Daraus hätte ein Gedanke werden können, wurde aber nicht. Es heißt nur: »Moral und reale Interessen gehören in der Politik wie im Leben zusammen. Wer die Moral absolut setzt, wird zum überheblichen Ideologen.« Wenn man also das Dritte Reich moralisch absolut kritisiert, ist man ein wackerer Demokrat, wenn man die Stellung des Westens zur Dritten Welt genauso behandelt, ist man ein überheblicher Ideologe. Hier sind wir am wunden Punkt aller Vergangenheitsbewältigung, und zugleich endet hier das unermüdlich und telegen mobilisierte Christentum des Präsidenten, sagt er doch: »Ich kann nicht eine religiöse Einsicht zum Maßstab politischen Handelns machen«, und die unwiderlegliche Begründung lautet: »denn wir sind Menschen.«  

Weil sich Weizsäcker jedoch inzwischen in den Himmel der Ikonen promoviert hat, ist er so fiktiv geworden, daß er nun vor allem zur Bildbetrachtung herausfordert. Den Spiegel dessen, was wir gesellschaftlich 'das System' nennen, haben wir in der Zusammengehörigkeit der schrecklichen Bilder, die die Folgen dieses Systems verzeichnen. Sie führen in den verschiedensten Formen Unbekannte als Opfer von Katastrophen vor. So werden die Bilder zu gleichförmigen, unpersönlichen Kommentaren der Politik und ähneln sich alle darin, daß sie zerstörtes Leben zeigen. Ihre Botschaft ist tautologisch: Sie sind das Elend, sie beweisen sich selbst mit dem im Bild verklingenden, erschreckten Ausruf: daß es das gibt!  

Auf der anderen Seite des Spektrums jene Bilder, in denen sich Politik als utopisches Manifest vorführt: sicher, sozial, friedlich, freundlich, gerecht. In dieser Sphäre geht Politik in Fantasy über, und gerade der Konservatismus muß ein erhebliches Maß solcher Fantasy aufbieten und immer beißendere Werbespots für eine nicht vorhandene Welt unangefochtenen glücklichen Lebens produzieren. Weizsäcker ist zugleich Protagonist und Vermittler dieser Welt. Die anderen sind der Staat, er stellt ihn dar. So wurde er das Fotomodell als Held, und weil die meisten Menschen nicht kritisch sind, sondern bildkritisch, und weil Weizsäcker dazu da ist, vor allem die fotogenen Qualitäten des Lebens zu verbessern, deshalb ist schon sein Aussehen Tugend. In universaler Unzuständigkeit und allenfalls oberflächlicher Kompetenz bewegt er sich durch alle Räume und Länder und spielt die Überwindung seines sterilen Amtes durch fotogene Wirklichkeitsberührungen. In dieser Hinsicht ähnelt ihm niemand so sehr wie der Camel-Mann in seinen sinnverlassenen Missionen zu Wasser, zu Land und in der Luft. Niemand fragt sich, was will er, sondern wie sieht er dabei aus. Er ist der Zeigeheld, weil er in interessantem Ambiente Pausen machen darf, die Pause ist seine Existenzform. Die Beruhigung, die der Camel-Mann einflößt, liegt in der Zwecklosigkeit, die er vertritt, wo er reist und raucht. Ähnlich reproduziert Weizsäcker die Welt in der Pause, in der man mit ihrem Untergang sein Vergnügen haben kann, die Welt in der Unschuld einer unzeitgemäßen, reinen Betrachterperspektive. Seine Unangefochtenheit ist Würde, sein Abstrahieren von der Wirklichkeit ist Integrität, seine Rührung ist die Dämmerung nationalfarbiger Innerlichkeit, und da er in dieser Weise eigentlich nichts erfährt, bleibt ihm nichts anderes übrig, als von allem so ungeheuer beeindruckt zu sein wie der Camel-Man vom blauen Dunst, den er ausstößt.  

In Weizsäcker adoptiert der Bürger das erträglichere Leben der Reklame. Und wie sich manche Menschen abends für die Tagesschausprecher schön machen, so unterhält der Bürger eine von keinem Rückschlag beschädigte Romanze mit dem Fernsehbild des Präsidenten. Wenn er sagt, wir brauchen ein neues Denken, dann klatscht auch Tandler, klatscht Rühe, klatscht Blüm, und selbst wenn man meinen sollte, daß von diesen zum Stichwort 'Denken' keiner zu klatschen braucht, so bewundert man in solchem Applaus den Erfolg einer sich vollständig tragenden narzistischen Beziehung, in der man mit dem einen Ende das eigene andere Ende selbst oral stimuliert, erregt und zum Beifall bringt, ohne Berührung mit einem Äußeren und Anderen. Zwischen dem Absondern der Rede und ihrem Eintreffen in Tandlers patschenden Händen gelingt also eine massenwirksame, politische Autofellatio von hohem Wallungswert. Wenn der Begriff 'Denken' aber einen Sinn haben soll, dann kann er nur bedeuten, sich in Unterscheidung zu dem zu setzen, was ohnehin geschieht und gemeint wird. D.h. das Denken hat seinen Ursprung in der Kritik. Wäre es nicht so, müßte man auch Karel Gott einen Denker nennen, und deshalb kann man, wie vieles andere, auch das Denken nur retten, indem man es vor Weizsäcker rettet, dem Inbegriff der Affirmation.  

Da die Macht nun im wesentlichen aufgrund der Dinge funktioniert, die nicht transparent an ihr sind, kultiviert die politische Selbstdarstellung neben dem Nimbus des Politikers zugleich die Darstellung seiner Psychologie. Mit den Fakten ist kein Staat zu machen, deshalb trumpft die Fiktionalisierung der Politik im Falle Weizsäcker mit ergreifenden Bildern des privaten Gemütsmenschen auf. Zwar gelten heute vielleicht die stechenden Augen, die roten Haare Lenins nicht mehr als Argumente gegen den Sozialismus, aber umgekehrt sind die silberne Derwall-Locke, die dekorative Frau, das besinnliche Lesezimmer Indizien einer vertrauenswürdigen Politik. Man identifiziert sich auch in diesen Bildern mit dem Staat als einem 'Pastorat', wie Foucault es genannt hat, man gibt sich in die Hände eines guten Hirten, der in der Machtausübung nur seine Pflicht tut und daneben durch seine Güte wie übrigens auch durch seine faszinierende Keuschheit besticht. Sein privates Glück ist vorbildlich durch die Vorspiegelung einer harmonischen Gegenwelt, die jedem Eskapisten offensteht, so wie er selbst vorbildlich ist als ein Nicht-Eingreifender, vorbildlich in seiner Verführung zur uneingestandenen Ohnmacht, zur Ineffektivität, vorbildlich in der Form, Katastrophen mit Appellen zum Solidaritätstöpfern zu beantworten. Wenn all der Fotostaub sich senkt, wird am Ende selbst das Elend keines mehr sein, vorausgesetzt, es wurde mit Richard von Weizsäcker fotografiert.  

Da nun mehrfach vom fiktionalen Charakter des Präsidenten, von ihm als Ikone, Fotomodell und Privatmann die Rede war, könnte der Eindruck entstanden sein, er sei eigentlich am wenigsten Politiker. Dies ist er durch seine Funktion für die Politik, durch seine Verwendung von Macht und genauso durch seine Vorstellungen davon, wie die Realität eingerichtet ist, wie sie eingerichtet werden sollte und wie und gegen wen diese Einrichtung durchzusetzen ist. Die Mehrheit, die sich für ihn entscheidet, mag eine Mehrheit des Geschmacks sein, als Stimmenmehrheit ist sie auch Exekutive.  

Weizsäcker vertritt eine Vorstellung vom Deutschsein mit klaren und unklaren Perspektiven; die klaren: »Ich bin ein Deutscher wie ein Franzose eine Franzose ist oder ein Russe ein Russe«, in einer anderen Version statt dessen: »oder wie ein Italiener ein Italiener«, schließlich erhellend: »Wäre ich ein Spanier und lebte im 18. Jahrhundert, so wäre ich nicht der, der ich nun mal bin.« So weit, so klar. Jetzt wird es anspruchsvoller, denn dieses »Deutschsein« ist außerdem noch eine »Aufgabe«. Weizsäcker fordert auf, »natürlich national zu empfinden«, denn ein fehlendes Nationalgefühl sei »ungesund«, so wie denn auch die Zukunft »geprägt sein und bleiben wird von dem natürlichen menschlichen Gefühl, deutsch zu sein«. Diesem »Bewußtsein zu dienen«, nennt er »eine der wichtigsten Aufgaben« seines Amtes. Wir haben es also mit einem Mann zu tun, dem die Verbindung zwischen deutschem Nationalgefühl und Begriffen wie 'natürlich', 'gesund' und 'ungesund' keine Schwierigkeiten macht und der Menschen, die zur Verinnerlichung dieses Landes nicht willens und imstande sind, in den Ruch des Defizienten, Bedenklichen, Ansteckenden bringt, und was der Konnotationen dieses bekannten Vokabulars mehr sind. Die Politik, die aus diesen Sätzen folgt, deutet sich in der Drohung an: »Wir müssen in bezug auf unsere Türken langfristig die Forderung stellen, daß sie entweder nach Hause zurückkehren, oder, wenn sie hierbleiben, dann auch Berliner oder Deutsche werden.« Abgesehen davon, daß dieser Standpunkt selbst sehr deutsch ist, kann man sich unter seiner Durchsetzung gegenüber 'unseren' Türken nur etwas vorstellen, das an die Wertbegriffe der Sklaverei erinnert. Man kann außerdem davon ausgehen, daß ein Amt mit der Aufgabe, deutsches Bewußtsein zu unterhalten, Ausländern gegenüber keine Politik favorisieren wird, die deren Realität ausreichend zur Kenntnis nimmt.  

Weizsäcker ist ein guter Deutscher aber auch kraft der von ihm vertretenen Ressentiments. Er sagt: »Ohne Zweifel verspricht sich die Sowjetunion langfristig eine Austrocknung West-Berlins – ohne eigenes Risiko«, gegenüber Gorbatschows Reformkurs ist »Zurückhaltung« geboten, ohne Systemveränderung sind seine Abrüstungsvorschläge bloßes »Lippenbekenntnis«, und wer dort nicht von »Menschenrecht und Freizügigkeit« spricht, betreibt »keine Friedens-, sondern eine Unterwerfungspolitik«. Hat er selbst aber bei den zahlreichen Regierungschefs Lateinamerikas und Afrikas oder der Türkei je »Menschenrecht und Freizügigkeit« eingeklagt? Hat er sich wenigstens einem Journalisten gegenüber zur Verurteilung der israelischen Bombardierung von Tunis oder der amerikanischen Bombardierung von Tripolis durchringen können? Vorsichtshalber fragt man ihn bei diesen Gelegenheiten nicht einmal, sondern lieber Kriegs- und Menschenrechtsexperten wie Ruth Maria Kubitschek, Blacky Fuchsberger und Dr. Antje Kühnemann. Hat aber Weizsäcker nicht andererseits die Hochrüstungspolitik der Regierung zu jeder Zeit unterstützt durch die Vorspiegelung eines Feindes, der zu »Lippenbekenntnissen« neigt und »Berlin austrocknen« will?  

Gerade die Rüstung ist ein gutes Beispiel dafür, wie man Psychologie zur Durchsetzung politischer Ziele mobilisiert. Erst tut man alles, die Angst beim Bürger zu vertiefen, dann nimmt man diese Angst »ganz ernst«, und schließlich spricht man den Bürgern wegen diesem bloßen »Gefühl« den »Durchblick im komplizierten Feld der modernen Sicherheitspolitik« ab. Da heißt es: »Die gegenseitige Abschreckung sichert den Frieden, indem sie die Vernichtung dessen anzudrohen vermag, was sie schützen will, nämlich das Leben überhaupt. Wirksam also ist die Abschreckung nur, wenn sie fähig ist, diese Drohung auch wahrzumachen.« Soweit die Basis für den frommen Wunsch der Weihnachtsansprache, zum Frieden gehörten die »Verminderung der Waffen und Waffenexporte, die humanere Verwendung unserer Mittel.« Man kann also sicher sein, die Mittel werden nicht humaner verwendet, solange die Möglichkeit einer »Vernichtung des Lebens überhaupt«, wie er sich ausdrückt, nicht gewährleistet ist, eine Aussage, die in der Weihnachtsansprache wirken würde wie Punk. Sie präsentiert uns unter den humanistischen Floskeln den konservativen Parteigänger, der vom »Leitbild des Staatsbürgers in Uniform« spricht, der Menge zuruft: »Für uns alle gilt es, wachsam, abwehrbereit und verständigungswillig zu sein«, und der vor der Bundeswehr eingesteht: Der politisch Verantwortliche »darf den Frieden nicht um jeden Preis suchen, sonst verwandelt sich der Frieden in Unterwerfung.« Feindbilder und uniformierte Leitbilder, die Zerstörung des Lebens überhaupt und keinen Frieden um jeden Preis – dies ist die Welt des von Weizsäcker, dem die katholischen Frauen Paderborns das Leben so lebenswert machen.  

Doch dann hinaus ins Land, immer beeindruckt, immer von gleißender, therapierter Emotionalität: »Ein freudiges Herz ist das beste, was wir Menschen kennen«, die Eröffnung der Bundesgartenschau ist ein »großes, herzerwärmendes Erlebnis«, und wenn ein Jugendorchester musiziert, heißt es, als sei der Geist Goethes in den Präsidenten gefahren: »Da erwärmt sich das Herz, da tritt der ganze Mensch heraus aus seinem Alltag und fühlt sich eins mit der Schöpfung«, die in Wirklichkeit keine mehr ist, sondern ihr Gegenteil, ein Kollaps. Man verstehe recht, dies ist das Bild eines Politikers, der durch eine von Massensterben und Massenzerstörung betroffene Welt fährt, niemandem »ins Handwerk pfuschen« will und im übrigen auf Optimismus, Zukunft und Hoffnung setzt, je nachdem, jedenfalls niemals auf den Wortsinn seiner eloquenten Betroffenheit und auf die Anerkennung dieser Zerstörung. Was hier 'Bewußtsein' heißt, ist autoritäre Verschleierung, was 'Hoffnung' heißt, ist Kadavergehorsam und Zustimmung zum Tödlichen, was sich 'Zuversicht' nennt, ist Veralberung, und 'neue Ethik' ist Ignoranz. Der Staat, den er meint, läßt keine Zweifel daran: Natur, materielle Versorgung, Arbeit, Frieden, Meinungsfreiheit – das sind unberechtigte Ansprüche, berechtigte Ansprüche sind: Dauerwartung der Aufzüge, Schluckimpfung, Notausgänge am Arbeitsplatz. Folglich dient der Staat nicht den Ansprüchen der Individuen, sondern er hat seine innere Logik darin, sich gegen diese zu verteidigen, und Weizsäcker ist der glänzendste Stratege dieser Linie. Er antizipiert den zutiefst glücklichen Staat, der endlich ohne Einmischung von Bürgern seine Vervollkommnung erlebt.  

Unerreichbar für Einwände und in seinen Antworten auf rare kritische Fragen schnell scharf, kleidet Weizsäcker seine eigene Skepsis in Ausdrücke wie »Es gibt Spannungen in unserer Gesellschaft« oder »Wir haben Probleme« oder »Auch ist natürlich wahr, daß nicht alles in unserem Staat und in unserer Gesellschaft immer schön ist.« Kann man sich einen einzigen Lebenszusammenhang außer der Rede eines Präsidenten vorstellen, in dem solche Sätze nicht einfach Gelächter auslösen? Und würde wohl ein x-beliebiger Stammtisch einen solchen Sprecher wenigstens ausreden, geschweige denn in der nächsten Woche wiederkommen lassen? Dabei empfindet er wirklich stark für die Demokratie oder für die Freiheit, jedenfalls für die eigene. So sagt er einmal, die öffentliche Erörterung politischer Maßnahmen, also eigentlich: die Meinungsfreiheit, das sei »der Preis, den wir zahlen müssen und wollen.« Danach ist die Meinungsfreiheit also kein Gut an sich, sie ist nicht der Ausdruck der Freiheit, sondern eine Hypothek auf sie, anders gesagt: Wir haben die Freiheit, aber verschärft durch Meinungsfreiheit. Die »Stärke unserer Freiheit« heißt es weiter, haben wir in der »Öffentlichkeit«. Aber jeder weiß, daß man für die wichtigsten Dinge, auch für unsere Kritik am Präsidenten, keine Öffentlichkeit hat. »Dieser Öffentlichkeit dient der uneingeschränkt freie Journalismus«. Aber jeder weiß, wir haben keinen freien Journalismus, vielmehr eine zu 90 Prozent konservative Presse, eine zwingende Verbindung zwischen dem gedruckten Wort und den Vorstellungen der Anzeigenkunden, eine Fernseh- und Zeitungszensur und jährlich etwa 1000 beschlagnahmte Bücher. »Diejenige Art des Widerspruchs«, weiß Weizsäcker weiter, »die in der Wirklichkeit von der herrschenden Staatsform verboten ist und verfolgt wird, das ist Widerstand. Dagegen ist das, was wir heute in der Demokratie haben, der völlig legitime Widerspruch, zu dem jeder eingeladen und berechtigt ist.« Entsprechend hat er das Vermummungsverbot unterstützt mit der bewußt falschen Unterstellung, der Vermummte zeige durch seine Vermummung den Willen zur Straftat an. Jeder weiß aber, daß die Vermummung nicht als Vorbereitung krimineller Handlungen, sondern zum Schutz gegen folgenschwere erkennungsdienstliche Behandlung entstand und daß man also zu keinem Widerspruch gegen die geringste Lappalie 'eingeladen' ist, ohne für die Inanspruchnahme eines Rechts bestraft zu werden, das Weizsäcker als Echtheitssiegel der Freiheit feiert.  

Entsprechend fallen ihm auch zum Stichwort 'Recht' immer zuerst die Demonstranten ein und die Maxime »Das Recht ist der Schutz der Schwachen«. Erinnert man sich an einen einzigen Fall, in dem nach dieser Logik nicht Banken, Industrien und Staatsorgane die Schwachen gewesen wären? Stimmigerweise hat er ebenso zum Tod eines Demonstranten geklagt: »Wir sind tief betroffen, daß ein junges Leben dahin ist.« Aber in derselben Rede fährt er fort: »Politische Verantwortung ist immer mit Risiken verbunden.«  

So bizarr der glaubwürdige Richard von Weizsäcker also auch erscheinen mag, er läßt nur den einen Schluß zu: Genauso muß man sein, um heute und in diesem Land als bester Deutscher adoptiert zu werden und um damit die Identifikation mit dem Staat wie mit einem Amt zu gewährleisten, das vorschreibt, der Wirklichkeit auszuweichen und die Entpolitisierung der Politik und damit ihre Emanzipation vom Menschen zu vollenden. Glückliches Österreich mit seinem geächteten Oberhaupt! Sein Fall läßt nur den Schluß zu, daß man einen Präsidenten nicht braucht. Wir aber wünschen uns unseren Direktor einer verkehrten Welt so sehr wie die Wirklichkeit, die er vor unseren Augen fälscht, eine von interessanten Spannungen, überraschenden Problemen und geschmackvoll gestalteten Nöten gezeichnete Wirklichkeit. Absurd, daß sie uns trotzdem einholen wird, an einem Tag, an dem wir Richard von Weizsäcker dafür feiern werden, daß er uns unseren Tod in bewegenden Worten als Notschlachtung plausibel macht.

 

"O-Ton v. Weizsäcker"
über die deutsche Nation:  

»Meine Meinung ist, daß wir eine Nation sind. Und was zusammengehört, wird zusammenwachsen. Es darf nicht der Versuch gemacht werden, daß es zusammenwuchert. Wir brauchen die Zeit. Wenn es zusammenwachsen soll, dann kann es ja nur aus der jetzigen Lage heraus zusammenwachsen, nämlich zwei Staaten einer Nation. Und nur, wenn sie beide sich auf einem gesunden Weg befinden, nur dann können sie in gesunder Weise zusammenwachsen. Also müssen wir sehen, was die beiden Staaten miteinander zustandebringen. Ich glaube, es geht bei Ihnen und uns gemeinsam um die Frage der Selbstbestimmung und nicht der Fremdbestimmung von außen. Aber es ist auch eine Aufgabe, in der wir unsere Verantwortung, unseren Zusammenhang in ganz Europa, vor Augen halten müssen.«  

(aus dem ersten Interview, das Weizsäcker Mitte Dezember 89 dem DDR-Fernsehen gab)

 

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