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Zum Tod von Ingrid Klein

10.04.2017 15:26

"Ich bin dagegen. Dagegen, dass nun auch Frauen pornographische Literatur produzieren, dagegen, dass diese Literatur mit dem »feministischen« Anspruch daherkommt, die andere, die erotischere, die bessere Literatur zu sein. Nichts gegen Gerechtigkeit: Frauen haben das gleiche Recht wie Männer, schlechte erotische Literatur zu produzieren, aber alles gegen schlechte Literatur mit diesem Anspruch", schrieb die Sozialwissenschaftlerin, Autorin und Verlegerin Ingrid Klein 1989 in Literatur-konkret, als hätte sie schon damals gewusst, wieviele Schattierungen der erotischen Schundliteratur uns noch erwarten sollten. Sie war Mitherausgeberin und verantwortliche Redakteurin von Sexualität konkret sowie von Literatur konkret und seit 1993 Verlegerin des Ingrid-Klein-Verlags, in dem wichtige sexualsoziologische Bücher erschienen. Am Freitag ist Dr. Ingrid Klein gestorben.

 

Literatur-Konkret 1989

Ingrid Klein  

Lustverzicht und Triebgewinn  

Weibliche Pornographie befindet sich voll im Trend, die Welt zu einem einzigen Schlüsselloch zu machen.  

 

Ich bin dagegen. Dagegen, dass nun auch Frauen pornographische Literatur produzieren, dagegen, dass diese Literatur mit dem »feministischen« Anspruch daherkommt, die andere, die erotischere, die bessere Literatur zu sein. Nichts gegen Gerechtigkeit: Frauen haben das gleiche Recht wie Männer, schlechte erotische Literatur zu produzieren, aber alles gegen schlechte Literatur mit diesem Anspruch. Die neuere »weibliche Erotik« ist nichts als erotikferne Selbstbefriedigung, Vorlage für meistens männliche Voyeure und vor allem ein blendendes Geschäft.  

 

Das drohte zu stagnieren in unserer sexuellen Hochleistungsgesellschaft, nachdem kaum noch Tabus existieren, das Unterste nach oben befördert und das Intimste bereits veröffentlicht ist. Umsatzfördernde Provokationen schien nur noch die schlichte Voranstellung von »weiblich« zu versprechen. Dabei kann nicht ernsthaft überraschen, dass auch Autorinnen nur die fortgeschrittene sexuelle Verdinglichung abzubilden vermögen, die sie, wenn überhaupt, aus dem Patriarchat ableiten und allein »dem Mann« vorwerfen, als lebten sie in einer anderen Gesellschaft. Zur allgemeinen gesellt sich also nun die weibliche Geschwätzigkeit über Sexualität, die noch trister ist, weil sie ihrem Credo, sensibler, offener, erotischer, phantasievoller etc. sein zu wollen, mitnichten gerecht werden kann.  

 

Ich wiederhole damit nicht die alte Unmoral, Frauen hätten besser zu sein als Männer, sondern meine, dass wir viel zu selten von unserem Recht Gebrauch machen, emanzipatorischen Nutzen im Verweigern zu sehen: Unser Schweigen würde den Fluss pornographischer Produkte aller Art nicht auch noch durch die weiblichen Variationen zum Thema anschwellen lassen. Denn selbst die geschäftsmäßige Sachlichkeit in dem Buch »Beruf. Hure«, herausgegeben vom Prostituiertenprojekt, Hydra, mit der Huren u.a. ihre Sado-Maso-Nummern beschreiben, dient eher als Onanier-Vorlage und kaum der Aufklärung. jede realistische Beschreibung einer sexuellen Handlung, die sich zwischen Kleenex und Peep-Show bewegt, erfreut in erster Linie einsame Voyeure.

  

Als eine Art weibliche Gegenoffensive in Sachen Erotik verkaufte die Verlegerin Gudula Lorez bereits vor mehr als zehn Jahren per Kleinanzeige gesammelte Texte, aus denen Bücher wie »Wo die Nacht den Tag umarmt«, »Hautfunkeln« etc. entstanden. Hier durften, nein sollten Frauen ihren sexuellen Phantasien freien Lauf lassen. Sie waren, wen erstaunt es, alles andere als aufregend, geschweige denn erotisch. Legasthenische Beichtstuhloffenheit und erotische Ärmlichkeit sexueller Vorstadt-Wünsche sind umso peinlicher, wenn sie als besonders üppige phantasievolle weibliche Erotik angepriesen werden.  

 

Im Zuge der sexuellen Tabubrüche gingen Frauen mit der ihnen eigenen Gründlichkeit vor. Als ob sie an Phantasie-Detektoren angeschlossen wären, breiteten viele ihre Intimsphäre aus, wodurch immer wieder Bücher entstanden: »Das kann ich keinem erzählen. Gespräche mit Frauen über ihre sexuellen Phantasien«. Dies ist übrigens ein ebenso aktuelles wie misslungenes Remake von »Die Frauen - Pornographie und Erotik« aus dem Jahre 1982, das jetzt im Sog des allgemeinen Lust-Gewinns neu aufgelegt wurde. Die hierin veröffentlichten Interviews gehen zum größten Teil weit über das ermüdende Beschreiben dieser oder jener sexuellen Phantasie hinaus, und sie haben ein bemerkenswertes Reflexionsniveau, wenn beispielsweise über die Differenz von Sprache und Bildern nachgedacht wird. Aber in dem zunehmenden Trend, die Gesellschaft zu einem einzigen Schlüsselloch zu machen, werden sie, wie schon 1982, unbeachtet bleiben.

  

Beachtet wird anderes: Als Expertin in Sachen Erotik gilt neuerdings die Konkursbuchverlegerin Claudia Gehrke, die seit einigen Jahren die Anthologien »Mein heimliches Auge« herausgibt, Enthüllungen allerintimster, persönlichster, sexuell stimulierender Szenen. Beim 3. Band dieser »Jahrbücher der Erotik« war sie besonders stolz darauf, daß überdurchschnittlich viele Frauen mitgewirkt haben, beim 4. Band, der diesen Herbst herauskommt, sind es »mindestens 2/3 Frauen und höchsten 1/3 Männer«, worauf die mathematikbegeisterte Verlegerin noch stolzer ist und es extra in der Vorschau ihres Verlages erwähnt.  

 

In diesen Sammelsurien sieht Claudia Gehrke ein »Plädoyer für eine Politik erotischer Kultur von Frauen«. Mit demselben ausgestattet, reist sie als feministische Erotikverwalterin und Sexualitäts-Expertin durch die Bundesrepublik, um auf Hearings der GRÜNEN, auf Tagungen, Diskussionsveranstaltungen etc. für ihr Konzept von weiblicher Erotik zu werben. Dazu gehört ihrer Meinung nach eine eigenständige weibliche Pornographie, für die sie im Verlauf der Pornographie-Debatte ausführlich und wortreich eintrat, was Fernseh-und Illustrierten-Interviews und das eigene Sammelwerk »Frauen und Pornographie« dokumentieren. Beschworen werden immer wieder die »geschlechtsspezifischen Differenzen in der erotischen Literatur, den erotischen Bildproduktionen und nicht zuletzt in den pornographischen Filmen«. Als Beleg einer »geschlechtsspezifischen Differenz« führt sie an, dass »auch die kleinen Bewegungen eine Bedeutung haben«, was immer damit gemeint ist. jedenfalls gehört die Verlegerin Claudia Gehrke zu den vielzitierten Protagonistinnen von weiblicher Pornographie, zusammen mit der Autorin und Filmemacherin Monika Treut (»Die grausame Frau«, »Die Jungfrauenmaschine«).  

 

Vor ihnen rangiert allerdings ein Name, der mir lange vor Erscheinen des sogenannten Antipornos »Lust« die Wörter »elegant, gnadenlos und skandalös« gründlich vergällt hat, die in jeder Ankündigung und später in fast jeder Rezension wahlweise die Autorin Elfriede Jelinek oder ihr Werk charakterisieren sollten. Einen »Anti-Bataille«, einen »weiblichen Porno« und damit zugleich einen »Antiporno« wollte sie schreiben, was ihr, wie sie selbst zugibt, nicht geglückt ist. Ihr Anspruch mußte am Gegenstand scheitern, denn was, bitte sehr, hat der erotische Mystizismus von Georges Bataille mit Pornographie zu tun? Und eine neue Sprache für weibliche Pornographie zu kreieren, kommt dem Versuch gleich, des Kaisers neue Kleider zu wenden: Nackt ist nur noch nackt, wenn die Betrachterin es will.  

 

Jenseits einer allseits geschäftstüchtigen Gesamtvermarktung von Autorin und Werk (in dieser Reihenfolge) hat Elfriede Jelinek durch ihr Scheitern die Unmöglichkeit einer derartigen Sprachschöpfung deutlich gemacht: Pornographie ist - auch das ist eine Lesart - nicht mehr und nicht weniger als die Beschreibung von Sexualität, genauer: die der Inszenierung von Sexualität. In dieser Eigenschaft gibt es Pornographie, also die Versuche, Sexualität zu kommentieren, seit Anbeginn der Menschheit, wenn man die Höhlenzeichnungen von Lascaux als ersten Ausdruck nimmt. Es war jedenfalls ein weiter Weg von diesen Steinzeitzeichnungen über die äußerst beredsame, nur heimlich zu genießende Pornographie bis zu den öffentlich gehandelten Pornofilmen heute, die sprachlos massenhaft konsumiert werden. Die einzelnen Phasen markieren den jeweiligen Zustand vergesellschafteter Sexualität.  

 

Aktuell befinden wir uns in einer Phase, in der sexuelle Abweichungen als Pornographie-Ersatz benutzt werden: Sex-Beraterinnen, die Sexualpraktiken mit lateinischen Namen fließend buchstabieren, plaudern über abstruse Sexakrobatik wie über ein neues Schnittmuster. Einen Anrufer, der Erika Berger von RTL Plus erklärt, dass seine Frau beim Koitus vorzugsweise auf dem Kopf stehe, was ihm deswegen Probleme machen würde, weil »immer, wenn ich eindringe, dann fällt sie um«, fragt sie vor einem Millionen-Fernsehpublikum: »Macht sie den Kopfstand frei, oder lehnt sie sich an?«  

 

Jelineks sexuelle Elends-Litanei basiert auf dieser inflationären öffentlichen Zurschaustellung menschlicher Beweggründe, die wie ein Insekt betrachtet und wie ein Schnupfen kuriert werden sollen. Alles Indizien für die fortschreitende Verkümmerung unserer Sexualität. In unserem Geschlechtsleben soll nichts Geheimnisvolles mehr sein, jede erotische Phantasie wird dingfest gemacht, alles Abgründige gründlich entzaubert. Der Sexual-Akt, der in Laclos' »Gefährliche Liebschaften« ein Kunstwerk war, hat sich entwickelt zum Akt als Kunstprodukt, konserviert für den Massenkonsum per Knopfdruck: nicht mehr nachdenken, nicht mehr spontan fühlen, nicht mehr selber handeln. Sexuell gesehen nähern wir uns damit dem 12. Jahrhundert: Variationsreich wurden sexuelle Handlungen beschrieben, die nie stattgefunden haben, mit folgendem Unterschied allerdings: Gegen die Sprachkunst der Minnesänger setzt die Pornographie die dumpfe, sprachlose Nahaufnahme. Ob im Blow-Up, unter unendlichen mikroskopischen Vergrößerungen die Lust wiederentdeckt oder eine neue Erotik entstehen wird, werden unsere Nachkommen vielleicht einmal wissen, wenn sie vom Zeitalter der Tri- auf die Quadro-Sexualität umgeschaltet haben.  

 

Ob »Lust« auch eine altmodische Zotensammlung ist oder eine sexuelle Obsession der Autorin ausdrückt, bleibt letztendlich gleichgültig. Die gewählte Sprachform entschleiert, ob gewollt oder ungewollt, die unaufhörliche Verdinglichung des Sexuellen in unserer Gesellschaft, wobei diese Bestandsaufnahme mit parteiischem, feministischem Blick zu Protokoll gegeben wurde. Die damit verbundene Lesezumutung unterscheidet sich allerdings entschieden von der vieler Bemühungen um eine »eigenständige« weibliche Pornographie. Während die Pornoproduzentinnen weibliche Erotik und Sexualität als das allerletzte noch zu lüftende Geheimnis, quasi als letzte Rettung sexueller Lust, einer interessierten Herren- (und Damen-)welt vorführen, hat sich die Österreicherin von der Lust, die ist, verabschiedet. Beides sind Zumutungen, aber noch existiert bei uns die freie Buchwahl.

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