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»Wurzellose Weltenbürger«

19.03.2018 11:52

Welche Rolle antisemitische Codes im Rechtsrock spielen. Von Timo Büchner

Am 20. April, zur Feier von Hitlers Geburtstag, beginnt das erste Rechtsrock-Festival des Jahres: Auf dem Gelände des Hotels Neißeblick im ostsächsischen Ostritz an der polnischen Grenze findet das zweitägige als politische Kundgebung angemeldete  „Schild und Schwert“-Festival statt, bei dem einschlägig bekannte Bands wie Die Lunikoff-Verschwörung mit dem Sänger der verbotenen Nazigruppe Landser auftreten und NPD-Politiker wie Udo Voigt Reden halten. Es hat das Potential, das diesjährig größte Event der europaweit vernetzten Neonazi-Szene zu werden. Ein zweites „Schild und Schwert“-Festival ist für den 2. und 3. November angekündigt.

Das Logo des Festivals ist ein weißes Schwert, das drei miteinander verbandelte, böse blickende Schlangen mit gespreizten Mäulern und spitzen Zähnen bezwingt und dabei die größte Schlange köpft. Dieses Bild und die daran geknüpfte Botschaft schließt nahtlos an die Inhalte und Botschaften extrem rechter Musik an, die für Jüngere oft der Einstieg in die Neonazi-Szene ist. Tiermetaphern wie die Schlange stehen in den Liedtexten für antisemitische Botschaften. Solche Codes spielen im Rechtsrock eine zentrale Rolle, denn würden die Songtexter ihren Hass auf Juden (noch) direkter formulieren, könnten die Platten auf dem Index landen.

Die Metaphern, die der Abwertung des konstruierten Feindbildes dienen, stammen aus antijudaistischen Bildern des Mittelalters, in denen die Schlange die „freien Völker“ und deren Souveränität vergiftet. Die Gruppe Division Germania stellt auf ihrem Album „Manifest“ (2009) die giftige Schlange der Weltenesche aus der nordischen Mythologie gegenüber: „Die Schlange, die die Völker plagt, die an der Weltenesche nagt. / Doppelzüngig gellt ihr Wort, vergiftet Heim und Hort. / Ganze Staaten Marionetten, der Globus liegt in ihren Ketten. / Der Weltenbrand wird längst geschürt, seht, wer euch verführt!“

Die Legenden des Mittelalters bilden bis heute die Grundlage für den modernen Antisemitismus; antisemitische Codes und Bilder des 21. Jahrhunderts sind meist tradierte und aktualisierte Stereotype des „christlichen Antijudaismus“. Division Germania liefert im selben Lied ein weiteres Beispiel aus dem Mittelalter: Mit den Formulierungen „staatenlose Plutokraten“ und „wurzellose Weltenbürger“ bedient die Band das Stereotyp des kosmopolitischen und vaterlandslosen Juden. Es fußt auf der mittelalterlichen Legende des „Ewigen Juden“, der Jesus auf dem Weg zur Kreuzigung verspottet habe und dafür zu ewigem Leben verdammt worden sei. Seither soll er durch die Welt wandern und sich dabei unterschiedlich maskieren. Tatsächlich führten Existenznot und Vertreibung der Juden zu Mobilität, was das Bild des vaterlandslosen Kosmopoliten prägte, der die Souveränität der „Völker“ auflösen und einen „Einheitsmenschen“ schaffen will.

Die Band Stahlgewitter bedient dieses Bild in ihrem Song „Völker, wehrt euch (One-World-Mafia)“ auf dem Album „Politischer Soldat“ (2002) beispielhaft: „Sie wollen keine freien Völker, kein Selbstbestimmungsrecht. / Sie wollen den Einheitsmenschen, blutleer, wurzellos, / ferngesteuert, ohne Seele, heimatlos.“ Die (nicht nur unter militanten Nazis) verbreitete Vorstellung der sogenannten jüdischen Weltverschwörung spielt eine zentrale Rolle: „Der Jude“ gilt als Drahtzieher, der hinter den Kulissen die Politik, Wirtschaft und Medien lenkt. Die Staaten seien Marionetten, „der Jude“ sei der Marionettenspieler, der die Entscheidungen und Handlungen staatlicher Akteure zur Erlangung der Weltherrschaft beeinflusse. Im Rechtsrock ist die „jüdische Weltverschwörung“ omnipräsent – und oft mit den USA als Quelle des Bösen verknüpft.

Der Code „NWO“, eine Abkürzung für „New World Order“, steht für das angebliche Ziel der USA, eine „Weltregierung“ zu etablieren. Sie hätten seit Beginn des 20. Jahrhunderts eine Vielzahl supra-, trans- und internationaler Organisationen geschaffen, um die Souveränität der „Völker“ auszuhöhlen. Die Netzwerke, die an der „Weltregierung“ arbeiteten, würden durch überstaatliche Mächte gelenkt. Die Blutzeugen beschreiben die „Allmachtsphantasien“ in „Der Krieg beginnt“ so: „Sie dienen nur dem einen und seinen Allmachtsphantasien.  … / So kann er in den Machtzentralen der Welt / schalten und walten. / Lug und Trug sein Instrument, / um auch das letzte Volk zu spalten. / … Alles, was sie tun und sagen, / hat nur den einen Zweck, / die Durchsetzung der New World Order / und ihrer One World-Politik. / Eine geeinte Volksgemeinschaft / ist dabei ihr größter Feind.“

Daran schließt der Code „One World“ an. Auf der Platte mit dem bedrohlichen Titel „Jetzt sind wir da“ (2014) singen Killuminati in „Konspiration“: „Ihr strebt eine One World an, / in der kein Mensch mehr frei sein kann. / Ein Einheitsmensch ist euer Ziel, / der Völkermord im hohen Stil … / Die Vielfalt der Völker geht verloren, / der Volkstod steht schon vor unseren Toren.“ Wer ist für diesen angeblichen Plan verantwortlich? Die Band 12 Golden Years „schreit’s heraus“ auf ihrem gleichnamigen Album von 2013: „Es waren die USA und ihre Schurkenstaaten, / die der freien Welt ihren Todesstoß gaben. / Völker gibt es nicht in ihrem One-World-Fanatismus.“

Auf dem diesjährigen "Schild und Schwert"-Festival werden solche Zeilen sicherlich zu hören sein - aber die Erfahrung zeigt, dass die anwesende Polizei nicht einmal bei deutlich leichter zu verstehenden "Codes" wie Hitlergrüßen einschreitet.

 

Timo Büchner hat gerade das Buch Weltbürgertum statt Vaterland.
Antisemitismus im Rechtsrock
(Edition Assemblage) veröffentlicht

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