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16.05.2017 12:09

Im NSU-Prozess präsentieren die Verteidiger Beate Zschäpes psychiatrische Gutachten, die die Schuldfähigkeit der Angeklagten in Zweifel ziehen sollen.

Von Friedrich C. Burschel

Als die beiden Fraktionen der Verteidigung der Hauptangeklagten Beate Zschäpe im NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht in München kapiert hatten, dass der vom Gericht bestellte psychiatrische Gutachter, der 72jährige Aachener Emeritus Henning Saß, ihrer Mandantin nicht nur volle Schuldfähigkeit, sondern auch noch schädliche, für andere womöglich lebensgefährliche Neigungen und einen „Hang zur Delinquenz“ bescheinigen würde, gerieten sie in hektische Betriebsamkeit. Zschäpes drei glücklose „Alt-Verteidiger“ Sturm, Stahl und Heer boten den Bochumer Psychiatrie-Professor Pedro Faustmann als Gegengutachter auf. In einer Art pedantischer Rezension des Saßschen Gutachtens unterstellte er methodische Fehler und mangelnde Fachlichkeit und verstieg sich zu der Feststellung, dass, da Saß ja als Forensiker zur Beurteilung krankhafter Fälle berufen sei, er Zschäpe fachlich gar nicht einschätzen könne, da er ihr ja geistige Gesundheit attestiere.

Die neue Verteidigung Zschäpes überraschte dann Anfang des Jahres mit der Präsentation eines weiteren psychiatrischen Sachverständigen, dem sich ihre Mandantin nun auch im Gespräch weiter offenbaren werde. Der neue Mann im Ring war der Freiburger Psychiater Joachim Bauer, der die seltene Gelegenheit erhielt, die Angeklagte 14 Stunden lang zu „explorieren“.

Mit Aplomb verkündete er danach, Beate Zschäpe leide unter einer „dependenten Persönlichkeitsstörung“ und habe sich, trotz der Morde – von denen sie selbstredend immer erst hinterher erfuhr – nicht aus der Nazi-Zelle lösen oder etwas gegen deren Treiben unternehmen können. Die Disposition zu diesem verhängnisvollen Klammern, das immerhin zehn Menschen das Leben gekostet hat, geht nach Meinung Bauers auf eine „schwere Kindheit“ zurück, deren Kleinkindphase vom Herumschubsen zwischen verschiedenen Bezugspersonen und später vom schweren Alkoholismus der Mutter geprägt gewesen sei. In den Untergrund gehend habe Zschäpe zunächst jubiliert, dass sie ihren Angehimmelten nun exklusiv für sich hätte und sie auf Gedeih und Verderb zusammengeschnürt seien. Aber Pustekuchen: Der durchgeknallte Böhnhardt habe sie bis zu sechs mal im Jahr schwer körperlich und sogar sexuell misshandelt. Fausthiebe ins Gesicht, Fußtritte in Bauch und Rücken habe sie erlitten und sei gewürgt worden, berichtete sie Bauer, der daraus schloss, dass ihre psychische Störung sie bei ihrem Peiniger geradezu in „Geiselhaft“ gehalten habe.

Bauer, von 361 Prozesstagen völlig unbeleckt und offensichtlich ohne die geringste Ahnung von der deutschen Nazi-Subkultur, nahm die Leidensgeschichte von Opfer Zschäpe unhinterfragt zur Grundlage seiner Einschätzung, ohne etwa Zeugenaussagen von Urlaubsbekanntschaften oder Nachbarn der drei Untergetauchten zu berücksichtigen, die „das Trio“ als harmonisch, eingespielt und heiter respektvoll miteinander beschrieben und von Spuren der behaupteten Misshandlungen der als durchaus selbstbewusst Wahrgenommenen nichts bemerkt hatten. Er kennt zum Beispiel offenbar die einschlägigen Urlaubsfotos nicht, die eine entspannte, oft lachende Beate Zschäpe mit ihren beiden „Kameraden“ etwa wenige Wochen nach dem Nagelbombenanschlag auf die Kölner Keupstraße 2004 zeigen. Auch tischte sie dem gutgläubigen Seelendoktor Geschichten auf, deren Gegenteil in der endlosen Beweisaufnahme längst erwiesen war. Den Interimsfreund, Thomas Starke, den Zschäpe bei aller Fixiertheit auf Böhnhardt nach der ersten Trennung von ihm 1996 hatte, übrigens vorher Sprengstofflieferant von Uwe Mundlos und nachher Spitzel des Landeskriminalamtes Berlin, kommt in Bauers Skript gar nicht erst vor. Dass ihm die ausgesprochen grobmotorisch agierenden neuen Verteidiger Zschäpes in einer ohnehin problematischen Auswahl auch Material vorlegten, das einem Verwertungsverbot unterliegt, dürfte den steilen Thesen Bauers wohl den Rest geben.

Friedrich C. Burschel

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