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Ror Wolf zum 85.

29.06.2017 15:34

Heute feiert der Dichter und Schriftsteller Ror Wolf seinen 85. Geburtstag. Kay Sokolowsky verfasste für konkret 7/07 eine Huldigung.

I  

Nach Jahrzehnten der Bewunderung, Begeisterung, Beschäftigung kann ich immer noch genau datieren, wann ich ihm das erste Mal begegnet bin: Anfang August 1981, auf den Seiten 36 bis 38 des Satiremagazins »Titanic«. Ich war damals eben erst 18 geworden, und ich hatte für einen Bengel meines Alters mehr gelesen als mir guttat – aber so was noch nie:  

Die Götter ausgelöscht, zerstampft, zermahlen.  

Vor Gram drückt man die Köpfe in den Rasen,  

Die Trauer goß sich aus auf Rios Straßen,  

in Wind und Weh in Schmerz in Qualm in Qualen.  

Solche Worte, solche Reime, solche Pracht, gewidmet einer Nebensächlichkeit wie dem Fußball: Nein, dergleichen war mir noch nicht vorgekommen! Aber während ich mich fragte, ob es denn erlaubt sei, derart vollendet zu dichten über etwas derart Banales wie ein WM-Endspiel (zumal ein tief in der Vergangenheit versunkenes wie das von 1950), verfiel ich bereits dem Klang dieser Zeilen, diesem unerhört satten, lebendigen, betörenden Klang:  

Es ist sehr still. Man hört nur noch das Prallen  

des schweren Balles beim Herunterfallen.  

Das ist die Schlußstrophe der WM-Moritat »Neunzehnhundertfünfzig«, und sie hat sich in mein Hirn eingebrannt, unauslöschlich, berückend bis heute, zitiert, zelebriert bei jeder passenden, aber natürlich auch bei jeder unpassenden Gelegenheit, vielleicht nicht das beste Beispiel für die Kunst dieses Dichters, doch in meinem Fall die Ur-Initiation zu einer Bewunderung, Begeisterung, Beschäftigung, die mich durch den größeren Teil meines Lebens begleitet hat und die ad morbus Alzheimer nicht nachlassen wird.

 

II  

Der Name des Dichters war mir gänzlich unbekannt, aber ich erinnere mich, gestaunt zu haben über diesen Namen, diesen Vornamen zumal: Ror. Ein Palindrom als Vorname kommt ja nicht sehr häufig vor (Anna, okay, Otto, ja gut, aber dann wird’s eng), und angesichts der ungeheuren Kunstfertigkeit dieser Fußballgedichte hätte ich wetten können, der Name sei eine Erfindung. Da lag ich richtig.  

Falsch, ganz falsch jedoch war meine Vermutung, »Ror Wolf« sei das Pseudonym Robert Gernhardts oder eventuell Fritz Weigles. Deren fabelhafte Lyrik kannte ich ja schon etwas länger, und weit und breit sah ich niemanden, der Gereimtes gleich kunstvoll, elegant und witzig anzufertigen vermochte.  

Ein paar Tage später, beim Monatsgang durch meine Lieblingsbücherei (in Hamburg-Blankenese; die Bibliothek wurde mittlerweile abgeschafft, Blankenese leider nicht), begegnete ich Ror Wolf dann auf mehreren Buchrücken, und ich kapierte, daß ich es mit einem Mann zu tun hatte, der sich vielleicht mit einem Pseudonym tarnte, der allerdings bestimmt nicht mit Männern identisch war, die ich schon kannte. Völlig berauscht von den WM-Moritaten, ließ ich Wolfs Romane erst einmal stehen und entlieh einen schmalen grasgrünen Suhrkamp-Band namens Punkt ist Punkt – Alte und neue Fußballspiele. Es war die erweiterte Neuauflage eines Buchs von 1971, aber das wußte ich 1981 noch nicht; und mir war die komplizierte Editionsgeschichte des Dichters Ror Wolf damals auch ziemlich wurscht. Das hat sich recht bald geändert. Vorerst interessierte mich allein das hier: Emma wälzte sich auf der Linie im Schlamm, doch in diesem Moment befreite sich Hertha aus der Umklammerung, Lotte schüttelte Friedrich ab, Emma zog sich zurück, aber der Dicke stieß nach in die Tiefe, die unerhört schnellen Mönche hetzten die blauweiße Hertha über den Rasen bis ihre Abwehr erschlaffte, sie drückten und drückten, zweimal rutschte Bernard das glitschige nasse Ding aus den Händen, schon sprang Friedrich dazu und schob ihn lächelnd hinein in die untere Hälfte, als er das klaffende Loch sah, preßte er ihn mit unheimlicher Wucht hinein, stocktrocken, jetzt stand er richtig, Lutz ließ nicht locker, der Dicke ackerte wie verrückt, er war voll bei der Sache, der wuchtige Mann, und Paul bediente Emma mit einer Kerze.  

Es handelt sich um die Prosaminiatur »Der letzte Biß«, einen der berühmtesten Texte Ror Wolfs, und auch in diesem Fall hat sich die Wirkung auf mich über ein Vierteljahrhundert hinweg nicht abgeschliffen. Wie hier mittels Komprimierung und Montage aus Originaltönen der Fußballreportage blanke Pornographie gewoben wird, wäre mit dem Wort »erstaunlich« sehr zurückhaltend umschrieben. Der Finalsatz dieses fulminanten Stücks hat sich dann auch tief in meinen Kopf hineingefressen, und soviel Alkohol kann ich gar nicht trinken, so alt gar nicht werden, um ihn jemals zu vergessen: Ein Aufschrei zerfetzte die Flutlichtatmosphäre.  

Die Leihfrist war noch lange nicht abgelaufen, als ich schon zum Buchladen fuhr, um mir Punkt ist Punkt zu kaufen.

 

III  

Ror Wolf hatte bei dem sprunghaften Burschen, der ich seinerzeit war, zwar sofort einen Platz ganz oben auf der Liste bewunderter Dichter erworben, doch er mußte sich meine Aufmerksamkeit mit vielen anderen Entdeckungen jener Zeit teilen. Ich fraß Bücher in einem Tempo, das mir heute etwas unheimlich erscheint, täglich ein oder zwei, doch ich fraß querbeet, ohne ein anderes System als das der Freßlust. Ein Abitur mußte ich, nebenher, auch noch schreiben.  

Doch kaum war das erledigt, begegnete ich Wolf wieder, und wieder ging es um Fußball, diesmal allerdings im Radio. In Spanien fand eine Fußball-WM statt, Deutschland hatte soeben gegen Österreich eines der schändlichsten Matches der Turniergeschichte abgeliefert, als NDR 3 das O-Ton-Hörspiel Cordoba Juni 13 Uhr 45 ausstrahlte. Es behandelt ein anderes, ebenfalls denkwürdiges WM-Spiel der DFB-Auswahl gegen die Equipe des ÖFB, und es war das erste Mal, daß ich Ror Wolf hörte – allerdings in fremden Stimmen redend, nämlich denen der Fußballreporter Arnim Hauffe und Edi Finger:  

(Finger) Sieg Sieg Sieg Sieg Sieg Sieg Sieg Sieg  

(Hauffe) Deutschland unterliegt Österreich in einem Spiel mit zweizudrei. Es war ein schwaches Länderspiel. Das wars hier aus Cordoba. Tja.  

(Finger) Sieg Sieg Sieg Sieg. Wir haben es geschafft, da findet man kaum Worte – –  

und findet sie dann doch, denn Ror Wolf findet immer Worte; niemand ist so besessen davon, so begnadet darin, Worte zu finden, die Suche nach ihnen zu beschreiben, sie als kostbare Fundstücke auszustellen. Aber das habe ich erst einige Zeit später begriffen. Vorläufig staunte ich nur, aber wie!, über die Geschmeidigkeit, mit der Wolf zwei Monologe zu einem Gespräch montiert, wie er aus vorgefundenem Sprachmaterial etwas ganz Neues schmiedet, wie er kein einziges eigenes Wort fallen läßt und dennoch jedes einzelne Wort in diesem Hörstück zu seinem eigenen macht. Cordoba Juni 13 Uhr 45 hat mir die Ohren weit geöffnet für die Möglichkeiten der Radiokunst. Und zugleich für immer verschlossen gegen alles, was nicht so raffiniert und verspielt, so konzentriert und pointiert mit den genuinen Vorzügen des Mediums umgeht.  

Nicht der letzte Satz des Stücks, aber der drittletzte ist mir seit 1982 ins Gedächtnis eintätowiert, und da wird er stehenbleiben: Herr Schön, schönen Dank.  

»Dankbarkeit« ist ein zu kleines Wort, um zu beschreiben, was ich für dieses Wunder der Montagekunst heute noch empfinde; ein Wunder übrigens, das nicht einmal das größte unter Wolfs O-Ton-Collagen ist. Die Tonbandkassette, auf der ich Cordoba damals mitschnitt, habe ich seither mindestens fünfzigmal abgespielt, aber sie klingt immer noch tadellos, ganz wie am ersten Tag. Das ist sicherlich auch ein Wunder; aber über dergleichen kann ich mich in der Sphäre des Großmagiers Ror Wolf gar nicht mehr wundern.

 

IV  

Die vierte Begegnung mit dem Dichter war dann die erschütterndste, im besten Sinne: ebenfalls 1982, ebenfalls im Sommer, ebenfalls ganz unvorbereitet auf das, was da passierte, was er da anstellte in seinem Buch Pilzer und Pelzer. Eine Abenteuerserie. Beispielsweise hier, in Folge 26, gleich unter der Überschrift »Die weiteren Aussichten«: Die Fenster geschlossen, draußen heiß heiß, der Himmel sehr blau, viele Grüße.  

Oder hier, Episode 9: Was sage ich nun. Etwas Klavierspiel, mäßig betrieben mit Unterbrechungen. Ja, da stand das Klavier, und da saß auch das Publikum, alles wartete auf die Sängerin, und hier war auch der Eingang, nun, um so besser, und die Sängerin kam jetzt, und es war, das dachte ich schon, die Witwe, sie behauptete, es sei kein Klavier da, aber da stehe es doch, sagte man, und deutete auf das Klavier, das schon aufgeklappt war und vor dem Pilzer saß, die Hände zum Vorspiel erhoben.  

Und hier, im 29. Abschnitt: Jedesmal, wenn ich in den Spiegel sah, fand ich mein Äußeres verändert. Ich fand mich zusammengeschrumpft oder auseinandergegangen, ich fand mich plötzlich bärtig, mit einem farblosen gewellten Bart, oder ich fand mich stark aus der Pfeife dampfend lächelnd mit einem sehr breiten Hut. Ich war, stellte ich fest, mit einem Mal Brillenträger geworden, oder ich fand überhaupt nichts an mir, was der Rede wert gewesen wäre.  

Ich könnte nun jeden Satz des Buchs zitieren, und jeder dieser Sätze wäre gleich gut geeignet, meine enorme Irritation zu illustrieren, denn in Pilzer und Pelzer gibt es keine schlechten, mauen, faden Sätze, sondern nur überraschende, verblüffende, entsetzende Sätze. Diese Prosa steht von der ersten bis zur letzten Seite unter Hochspannung; und ich genoß es, mir einen Schlag nach dem anderen verpassen zu lassen: Schläge gegen meine Erwartungen an eine Erzählung, Schläge gegen meine Selbstherrlichkeit als Leser, Schläge gegen mein ignorantes Verständnis von Literatur und ihrem Verhältnis zur Wirklichkeit. Die Geschichte und die Figuren sind fortwährend in Bewegung, gleich im allerersten Satz wird »am Horizont plötzlich ein rasch laufender Mann« beobachtet. Sobald die erzählte Welt droht, sich zu beruhigen und damit den Erzähler überflüssig zu machen, fällt ihm wieder etwas auf oder ein, und er legt wieder los, mit der nächsten ungeheuerlichen Begebenheit: Ich konnte nicht weitersprechen. Plötzlich, also mitten in dieser verhältnismäßig ruhigen Situation, ein fremdartiger Ton, der aus der Tiefe des Hauses zu kommen schien. Keiner erinnerte sich an einen ähnlichen Ton, der Fall schien wichtig genug, um hinabzusteigen. Pelzer stieß einen schwachen Ruf des Erstaunens aus, er war an den Kamin getreten und verschwand vor unseren Augen.  

Ror Wolf nimmt die Wörter beim Wort, behandelt Metaphern wie Tatsachen, und das tut er so konsequent wie kein anderer. Kein anderer Dichter hat sich ähnlich profund und produktiv Gedanken gemacht über die Wortwerdung der Dinge und die Dinglichkeit der Wörter. Was gedacht wird, das ist, sobald es ausgeprochen wird, auch da; was surreal anmutet, birst, sieht man nur näher hin, vor Wirklichkeit und Sinnlichkeit: Ich sah Wasser an mir vorbeifließen von oben nach unten und vergrub mich in Zeitungen und sah ein Gesicht gegenüber in einem Niesen aufplatzen. Bequem sitzend über dem leichten Knacken der Schienen fuhr ich dahin, mit Aufenthalten kurz zischend mit Türenschlagen und Taschentüchern, mit abendlich abgeschnittenen Anblicken, mit Schmelzhütten Schlackenbergen schwarz spuckenden Schornsteinen, Zementwerken bleich überpudert, steif aufgerichteten Aussichtstürmen, alles nach meinem Geschmack.  

Ror Wolf ist ein Autor, der stets mit offenen Karten spielt, der den Prozeß, unter dem eine Erzählung entsteht, in das Erzählte immer einfließen läßt, und wer einmal verstanden hat, wie ernst er seine Leser nimmt, wieviel Klugheit und Aufmerksamkeit er ihnen zutraut, der bleibt lebenslänglich verdorben für all die anderen Autoren, die so tun, als sei es eine Kunst, die Erzählung von den Bedingungen zu isolieren, unter denen sie entstanden ist, die ihren Lesern vormachen, es ginge in einer Erzählung um etwas anderes als um den Erzähler. Ror Wolfs Prosatexte sind von einer beispiellosen Intimität, eröffnen sie doch einen direkten Blick in sein Kopfkino, in die verschwenderisch reichen Bilderfluchten seiner Phantasie, in seine Obsession für die Klänge und Anklänge der Wörter, in seine schier verzweifelte Lust daran, das Chaos, das wir Bewußtsein nennen, zu komponieren. Damals, mit meinen 19 Jahren, habe ich das alles nicht zu benennen gewußt; ich habe mich einfach hingegeben, mich in diese rasende Achterbahn der Gedanken, Geräusche und Geschichten hineingesetzt, mich durchschleudern lassen, ratlos und atemlos, entzückt und entgeistert, und wenn mir oft auch schlecht wurde: Aufhören konnte ich erst, als der Autor »Aufhören« sagte, in der Überschrift zur letzten Episode.  

Und natürlich schrieb sich bei dieser vierten, meiner entscheidenden Begegnung mit Ror Wolf wieder ein Satz, ein weiteres Mantra in mein Gedächtnis ein, die kurioseste und zugleich schönste Kapitelüberschrift, die ich jemals gelesen habe: Singen, weil es jetzt sein muß.  

Mir erscheint dieser Satz mittlerweile wie das Motto, unter dem sowohl die Kunst als auch das Leben Ror Wolfs stehen. Allerdings sollte man bei einem Genie seiner Größe besser keinen Unterschied machen zwischen der Kunst und dem Leben. Er singt, weil es jetzt sein muß.
 

V  

In den folgenden Jahren habe ich alles zu sammeln versucht, was es an biographischem Material, Anekdoten, Selbstauskünften zu sammeln gab. Mein Ehrgeiz wurde beträchtlich angestachelt durch die Verschwiegenheit des Autors, durch seine Weigerung, den Kulturbetrieb mit dem eitlen Geseier zu bedienen, das mindere Talente wie, sagen wir mal, Grass unablässig in jeden Notizblock, jedes Aufnahmegerät verströmen, um ihre mißratenen Werke mit einer Bedeutung aufzuladen, die das Zeugs aus eigener Kraft niemals gewinnen könnte. So konsequent, wie Wolf seiner poetischen Maxime die Treue gehalten hat, egal in welchem Genre, so unbeirrbar auch hat er der Versuchung widerstanden, sich zu erklären, sich außerhalb seiner Kunst in die Weltläufte einzumischen, Weltläufte, die abzubilden ein Künstler weiß Gott genug zu tun hat, wenn er denn einer ist.  

Auf die Idee, den Dichter mal anzurufen oder anzuschreiben, mit ihm persönlich zu werden, verfiel ich gar nicht erst: Das käme, erklärte ich denen, die meine Bewunderung, Begeisterung, Beschäftigung kannten und die wissen wollten, warum ich ihn nur aus der Ferne beobachtete, gar nicht in die Tüte: »Mit Gott telephoniert man nicht.« Selbst heute, da ich Ror Wolf, den Mann, kennen, ihn einen Freund und mich seinen Biographen nennen darf, fällt es mir schwer, ihn einfach mal anzurufen. Daß mein Respekt vor ihm nicht gelitten hat unter der persönlichen Bekanntschaft, nicht gemindert worden ist, obwohl er mir viele Stunden lang Dinge aus seinem Leben berichtete, die ihm durchaus nicht nur schmeicheln: das sollte für den Moment genügen, um anzudeuten, was für ein Mann das ist, wie beeindruckend er auch in der Nähe wirkt, welch ein Charisma, welch rare, radikale Souveränität im Umgang mit sich selbst er besitzt. Mit Ror Wolf befreundet zu sein, ist, um einem Satz aus seinem grandiosen Beiderbecke-Hörspiel zu bemühen, »die größte Ehre der Welt«, und ich werde mich hüten, diese Freundschaft jemals für eine Selbstverständlichkeit zu halten.  

1989, bei einem literarischen Kolloquium, ergab sich für mich die erste Gelegenheit, Ror Wolf leibhaftig kennenzulernen. Der Dichter erschien krankheitshalber nicht, und ich war erleichtert. 1992 wurde ihm der Bremer Literaturpreis verliehen; am Vorabend der Zeremonie las er aus seinen Werken, und ich sah ihm dabei zu, sah ihn überhaupt zum ersten Mal, war ganz blaß vor Freude, ihn endlich zu sehen, seine Stimme zu hören, diese wie mit Samt ausgekleidete, bei Bedarf jedoch glasscherbenspitz zustechende Stimme. Den Mumm, ihn anzusprechen, hatte ich nicht. Am nächsten Tag entdeckte ich in der Nähe des Rathauses, wo die Preisverleihung stattfand, eine Pelzerstraße, und man kann mir erzählen, was man will: Diese Straße hat es vorher nicht gegeben.  

Es dauerte dann noch acht Jahre, bis ich Ror Wolf vis-à-vis begegnet bin, und ohne die sehr nachdrückliche Überredungskunst eines anderen großen Autors – die Rede ist von Jürgen Roth – hätte auch das nicht geklappt. Die Idee, mich zum Biographen Ror Wolfs zu küren, war übrigens nicht meine, sondern die Gerhard Henschels, bei einem sehr ausführlichen Umtrunk in Wolfs Stammrestaurant, im Jahr 2001 in Mainz. Ich hoffe, daß diese Idee gut war. Dem Dichter selbst gefiel sie immerhin; und später in der Nacht hörten er und ich, champagnerschlürfend, Django Reinhardt in Wolfs Arbeitswohnung; auf dem Schild an der Tür stand: »Raoul Tranchirers Wirklichkeitswerkstatt«. Ich war, wahrhaftig, im Himmel, bei meinem Gott, berauscht von allen Seiten. Es war die größte Ehre der Welt.

 

VI  

Danach passierte etwas, das, ginge es irgendwie gerecht im Leben zu, einem außerordentlichen Mann wie Ror Wolf nicht passieren dürfte. Er mußte erfahren, daß einem Dichter nicht nur ignorante Verleger oder Baustellenlärm vor dem Fenster das Leben schwermachen können, sondern auch die Verfallsdaten, die dem eigenen Körper eingeschrieben sind. Er, der sich von keiner Katastrophe kleinkriegen ließ, wurde von sich selbst niedergeworfen, und das hat ihm ganz und gar nicht gefallen.  

Er hat dagegen angeschrieben und schreibt weiter gegen die Schwäche an, die der verfluchte Organismus ihm diktiert, mit einer Kraft, die nichts als erstaunlich ist, die aber, scheint es, zu seinem Talent gehört wie Pilzer zu Pelzer. Er sei ein ungemütlicher Autor, sagte er mir nach der Operation, die ihn fürs Leben gerettet hat – freilich für ein ganz anderes Leben – , und er habe jetzt keine Lust mehr, freundlich zu sein. Er ist trotzdem einer der freundlichsten, liebenswürdigsten Menschen geblieben, die mir jemals begegnet sind; die Ruppigkeit und die Kopfnüsse spart er sich weiterhin auf für seine Kunst, so wie er es immer tat. Nein, ein gemütlicher Autor ist er nie gewesen; neben Pilzer und Pelzer wirkt sogar Zettels Traum wie eine Bibelarbeitsstunde neben einem Hexensabbat.  

In Zwei oder drei Jahre später, einem Buch mit Miniaturen, Anekdoten, Novellen, das 2004 erstmals erschien, und nun, in der stark erweiterten Neuausgabe, sogar einen kurzen Roman enthält, faßt Ror Wolf die Motive und Passionen, die Ästhetik und Obsessionen aus fünfzig Jahren Prosadichtung wie in einem Katalog zusammen, und er ist so erzählfreudig, so treu dem Gesetz, nach dem er angetreten, so fern aller Gelacktschreiberei wie dreißig oder vierzig Jahre früher: Ich stamme aus einer Familie von erfolglosen Verbrechern, von einsamen Mördern, die keine Opfer fanden, unglücklichen Dieben, denen nur leere Brieftaschen in die Hände fielen, von erkälteten Schauspielern, die ihre Texte verschluckten, ruinierten Betrügern, ausgepfiffenen Pianisten, verschollenen Forschern und verzweifelten, in die falsche Richtung reisenden Reisenden.  

Und weil Ror Wolf, eingedenk der Tücken der bescheuerten Biologie, sein Vermächtnis ordnen will, ehe es irgendsoein Germanist unternimmt, hat er – endlich! – all die Gedichte veröffentlicht, die er in fünf Jahrzehnten verfertigt, doch bislang für sich behalten hat. Pfeifers Reisen heißt dieses Wunderwerk, mit dem Wolf sich als größter deutschsprachiger Lyriker des 20. Jahrhunderts endgültig etabliert hat; und wenn es nach mir geht (und daß es nach mir geht, dafür will ich sorgen), sollten seine Verse auch weite Zeiträume des 21. Jahrhunderts beherrschen. Etwa diese – in denen der bedeutendste Dichter, den wir haben, alles sagt, was zu sagen ist über das, was die verfluchte Natur ihm und mit ihm der Menschheit angetan hat:
 

Zweiunddreißig, Juni, nachts zwei Uhr,  

als ich naß aus meiner Mutter fuhr,  

als ich stumm aus meiner Mutter kroch,  

aus dem einen in ein andres Loch,  

aus dem Fleisch heraus hinein ins Leben,  

sagte man zu mir: So ist das eben.
 

Im November nachts Zweitausendeins  

lag ich nackt und aufgeschlitzt in Mainz,  

tief im Blut und alle Tropfe tropften,  

die Kanülen, die Katheter klopften,  

alles floß hinein in das Plumeau,  

und man sagt zu mir: Das ist halt so.
 

Er ist ein Dichter ohnegleichen. Seit er mir vor 26 Jahren auf Seite 36 eines Satireblatts erstmals begegnete, weine ich, leide ich, lache ich, stöhne ich angesichts seiner Sätze, wie gelähmt vor Glück und Schmerz und Entzücken. Ich weiß kein erheblicheres Ereignis in meinem Leben als dieses: Ror Wolf begegnet zu sein.
 

Ror Wolf: Pfeifers Reisen. Schöffling & Co., Frankfurt a.M. 2007, 258 Seiten, 19,90 Euro
 

ders.: Zwei oder drei Jahre später. Schöffling & Co., Frankfurt a.M. 2007, 200 Seiten, 18,90 Euro
 

Kay Sokolowsky schrieb in KONKRET 6/07 über neueste Botschaften aus dem Reich der Verschwörungstheorien
 

 

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