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»Marx was right«

04.04.2017 15:00

 

Da der finnische Regisseur Aki Kaurismäki leider behauptet, dass »Die andere Seite der Hoffnung« sein letzter Film sein soll, dokumentieren wir ein ewiggültiges Interview, das Marit Hofmann mit ihm für konkret 11/2002 geführt hat.

Aki Kaurismäkis Film »Der Mann ohne Vergangenheit« (Besprechung siehe Film des Monats) wurde bei den Festspielen in Cannes mit dem Grand Prix der Jury und beim Filmfest Hamburg mit dem Douglas-Sirk-Preis ausgezeichnet – was den Geehrten allerdings »einen Dreck« kümmert: »Der Film bleibt schließlich der gleiche.« Die Teilnahme am New Yorker Filmfest hat der finnische Filmemacher 2002 abgesagt, weil dem ebenfalls eingeladenen iranischen Regisseur Abbas Kiarostami die Einreise verboten wurde: »Wenn die jetzige Regierung der USA keinen Iraner haben will, dann hat sie wohl auch kaum Verwendung für einen Finnen. Bei uns gibt es ja nicht mal Öl.« KONKRET sprach mit dem Regisseur, der neuerdings auch sein eigener Produzent ist, über die Boulevardpresse, den Oscar und andere Flaschen 

 

KONKRET: Sie bezeichnen sich als Kommunisten.

Kaurismäki: Ich bin kein Parteimitglied. Ich denke aber, daß Karl Marx recht hatte. 

In Ihren Filmen, gerade in Ihrem neuen, wird das realexistierende System zwar deutlich kritisiert, es gibt aber keine Hoffnung auf eine fundamentale Veränderung.

Die Lage ist doch auch hoffnungslos, ich glaube nicht, daß es den Kommunismus noch mal geben wird. So wie die Menschen mit sich und der Natur umgehen, werden sie in spätestens 300 Jahren verschwunden sein. Das ist traurig, denn ich mag Kinder, wissen Sie.

Im »Mann ohne Vergangenheit« schlagen Sie sich auf die Seite der Unterprivilegierten. Glauben Sie noch an die Arbeiterklasse?

Wem zum Teufel können Sie noch trauen? Niemandem. Schon gar nicht der Regierung und der Wirtschaft, die hinter ihr steht. Ich glaube an Bäume. Meinetwegen auch an Büsche.

Meinen Sie, daß man das Glück nur noch im Privaten finden kann, wie Ihre Figuren im Film?

Die Wirklichkeit ist deprimierender als das Kino. In der Wirklichkeit haben Verlierer keine Chance. Die Leute sollten höflicher sein, dann könnten sie vielleicht auch glücklicher sein. Ich gehe lieber in den Wald Pilze sammeln, das ist meine Vorstellung von Glück.

Warum ignorieren Sie sämtliche Fortschritte in der Filmtechnik und bevorzugen altmodische Bilder wie aus den fünfziger Jahren?

Um ganz ehrlich zu sein: weil ich alt werde. Ich bin ein müder Wolf (Kaurismäki benutzt die deutsche Formulierung; M. H.).

Das Bild, das wir hierzulande von Finnland haben, ist maßgeblich von Ihren Filmen geprägt ... 

... und ich muß mir die Klagen der finnischen Tourismusbehörde anhören, daß meine Filme ihre Arbeit um Jahre zurückwerfen.

Die finnische Boulevardpresse scheint Sie auch nicht besonders zu mögen.

Das beruht auf Gegenseitigkeit. Generell mögen die Finnen meine Filme aber. Leider können sich diejenigen, für die ich die Filme mache, keine Kinokarte leisten.

Die Heilsarmee kommt im »Mann ohne Vergangenheit« erstaunlich positiv weg.

Sie hat in Finnland auch vielen Menschen geholfen.

Und mit ihrer religiösen Botschaft haben Sie keine Probleme?

Ich glaube an Bäume. Sollen andere doch an Gott glauben.

Warum die Geschichte vom Mann, der sein Gedächtnis verliert?

Weil ich ein Komödiant bin. Ich mag es, wenn die Leute lachen.

Aber formuliert der zweifellos komische Film nicht auch ein Ideal von Solidarität?

Teilweise sicher.

Warum machen Sie überhaupt Filme?

Ich habe länger als Tellerwäscher in Stockholm gearbeitet, ich mochte den Job, aber das konnte man schließlich nicht sein ganzes Leben lang machen, schon gar nicht in Schweden! So drehe ich jetzt eben schlechte Filme. Wenn ich nicht so faul wäre, wären sie besser.

Unzufrieden sind Sie trotzdem?

Kennen Sie einen einzigen ernsthaften Filmemacher, der mit seiner Arbeit zufrieden ist? Die Betonung liegt auf ernsthaft.

Wer ist für Sie ein ernsthafter Filmemacher?

Ich nicht.

Was stört Sie denn zum Beispiel an Ihrem neuen Film?

Nichts. »Der Mann ohne Vergangenheit« ist ein großer Film, den jeder sehen sollte, die ganze Familie. Und dann kaufe ich mir einen Cadillac und fahre nach Texas. Der Haken an der Sache: Ich habe schon einen Cadillac. Der ist noch älter als ich.

Aber in Hollywood wollen Sie nicht vorbeischauen?

Niemals! Mit Hollywood will ich nichts zu tun haben.

Es gibt das Gerücht, daß Hollywood an Ihrem neuen Film interessiert ist, um ihn für einen Oscar zu nominieren.

Who cares? Ich habe hier schon eine Bierflasche (deutet auf die Flasche, die neben einem Cognacglas vor ihm steht). Ist ungefähr genauso groß wie ein Oscar.

Am Set sollen Sie für Ihre Schauspieler folgenden Grundsatz formuliert haben: »I want no acting in my movies.« Können Sie das erklären?

Spielen sollen die Schauspieler schon, aber sie sollen nicht vorgeben zu spielen, also nicht schreien, nicht mit den Armen rumfuchteln und so weiter.

Andernfalls sägen Sie ihnen die Arme ab – haben Sie auch mal gesagt. Stimmt es, daß Sie sich bisweilen am Set wie ein Diktator gebärden?

Sagen wir, eher wie ein demokratischer Diktator. – Sagen so was meine Schauspieler? Erinnern Sie mich bitte daran, daß ich ihnen verbiete, soviel zu reden.

 

Interview: Marit Hofmann

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