Aktuelles

aboprämie 10-17

To watch this video, you need the latest Flash-Player and active javascript in your browser.

Tomayers Video-Tagebuch

No-Go-Area Deutschland

Filmkritiken

Termine

Aus aktuellem Anlass

Kauft nicht beim Judenstaat!

08.09.2017 10:58

Im August hatten mehrere Bands ein Berliner Festival boykottiert, weil die israelische Botschaft einen Reisekostenzuschlag für israelische Künstler geleistet hatte. Währenddessen verbannte Frankfurt BDS-Aktionen aus allen von der Stadt geförderten Veranstaltungsräumen. Zum Wirken der antisemitischen Boykott-Bewegung schrieb Alex Feuerherdt in konkret 09/12.  

 

Seit 2005 häufen sich weltweit die Boykottaktivitäten gegen Israel. Sie geben sich einen humanitären Anstrich, doch ihre antisemitische Intention bleibt unübersehbar.  

Zu den Charakteristika der postnazistischen Debatte über Israel gehört es, daß sich das Ressentiment gegen den jüdischen Staat von links bis rechts als Sorge um die Menschenrechte tarnt und sich das dringende Bedürfnis, mit den Juden mal ordentlich Tacheles zu reden, als Resultat heftigster Gewissensqualen darstellt, die letztlich keine andere Wahl ließen als ein empörtes »J’accuse«. Kaum jemand vergißt dabei, seine Tiraden als Freundschaftsdienst gegenüber den Israelis auszugeben, denen man, anders als ihren Vorfahren, nun nicht mehr den Krieg, sondern den Frieden erklärt. Albrecht Schröter, der sozialdemokratische Oberbürgermeister von Jena, macht da keine Ausnahme. »In einer Reihe von Reisen nach Israel und in die Westbank habe ich persönlich so viel gesehen und erlebt, daß ich nicht mehr schweigen kann, wenn jüdische und palästinensische Freunde unter Verletzungen von Menschen- und Völkerrecht leiden«, schrieb er Anfang Juni auf seiner Facebook-Seite, um anschließend ins Detail zu gehen: »Ich habe das Verhalten von Soldaten und Siedlern gegenüber Palästinensern erlebt, unnötige Demütigungen an den Checkpoints, Zerstörung von Häusern. Dazu kann ich nicht schweigen. Allein in den fast zwanzig Jahren, in denen ich Israel immer wieder besucht habe, sind große Gebiete enteignet und entgegen Völkerrecht bebaut worden. Olivenhaine sind mutwillig zerstört worden, Bauern kommen durch die Mauer nicht mehr an ihr Land, das dann enteignet wird, weil es eine Zeitlang nicht bewirtschaftet wurde. Dazu kann ich nicht schweigen. Es zerreißt mich innerlich.«  

Mit diesem herzergreifenden Bekenntnis versuchte Schröter zu begründen, warum er die Ende Mai von »Pax Christi« initiierte Kampagne »Besatzung schmeckt bitter« unterstützt, mit der die katholische Organisation, wie es auf ihrer Website heißt, »für die Kennzeichnung von Waren aus den völkerrechtswidrigen israelischen Siedlungen auf besetztem palästinensischen Gebiet« eintritt und dazu aufruft, auf Lebensmittel zu »verzichten«, »die die unklare Ursprungsangabe ›Israel‹ tragen, wenn es sich dabei um Siedlungsprodukte handeln könnte«. Dieser Aufruf zu Kennzeichnungspflicht und Warenboykott – der Schröter den verdienten Beifall der thüringischen NPD eintrug – erinnerte einige Interviewpartner der israelischen Tageszeitung »Jerusalem Post« an die Nazi-Parole »Kauft nicht beim Juden«, woraufhin sich der Bürgermeister beeilte, den »böswillig gegen mich erhobenen Antisemitismusvorwurf« zurückzuweisen und sich selbst gewissermaßen einen Persilschein auszustellen: »Seit vielen Jahren« engagiere er sich »aktiv gegen den Antisemitismus«, sogar einen »Preis für Zivilcourage« habe er für seinen »kompromißlosen Einsatz gegen die Neonazis« bekommen. Außerdem habe er »viele Freunde in Israel, die mich darin bestärken, mich gegen das Unrecht der Besatzung und gegen die Siedlungspolitik zu engagieren«, und schließlich könne ihm niemand »das Recht nehmen, mich aktiv dafür einzusetzen, daß das Recht des palästinensischen Volkes auf einen eigenen Staat endlich umgesetzt wird«.  

In seinem selbstlosen Kampf für palästinensisches Recht und gegen israelisches Unrecht hat der promovierte Theologe aber nicht nur Verbündete bei der katholischen »Friedensbewegung« und jüdischen Israelis, sondern auch bei prominenten muslimischen Palästinensern: Wie der Journalist und frühere stellvertretende Vorsitzende der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Erfurt, Kevin Zdiara, herausfand, hatte Schröter Anfang Juli 2009 an einer Demonstration gegen den (bekanntlich infolge zahlloser Selbstmordattentate errichteten) israelischen Sperrwall in der Nähe der palästinensischen Stadt Beit Jala teilgenommen – in der ersten Reihe, Seite an Seite mit dem obersten islamischen Richter der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA), Scheich Taissir Tamimi. Der hatte, wie Zdiara ebenfalls recherchierte, einen Monat vor dem Protestmarsch gegenüber einem Fernsehsender der PA klargemacht, daß auch er nun nicht mehr schweigen kann: »Die Juden sind dafür bekannt – und man wußte das durch die ganze Geschichte hindurch – , daß sie falsche Behauptungen aufstellen, lügen, fälschen, verleumden und Dinge frei erfinden, nur um ihre Aggression, ihren Landraub, die Schändung heiliger Stätten, die Aneignung von Land, die Zerstörung von Häusern, den Mord an Kindern, Frauen und alten Menschen zu rechtfertigen.« Innerlich zerrissen hat diese antisemitische Brandrede Tamimis den kompromißlosen thüringischen Streiter wider die Judenfeindlichkeit offenbar nicht – ganz im Gegenteil: »Wir haben uns bei der Demonstration eingehakt, und wir haben uns gefühlt wie Brüder«, sagte der frühere Pfarrer nach einem Bericht der Tageszeitung »Südwest Presse« in einem öffentlichen Vortrag.  

Der von Schröter beworbene Aufruf von »Pax Christi« ist nur ein (neueres) Beispiel für die gegen Israel gerichteten Boykottaktivitäten, die weltweit erheblich zugenommen haben, seit im Juli 2005 von mehr als 170 palästinensischen Organisationen eine Kampagne für Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen (kurz: BDS) gegen Israel gegründet worden war und zahlreiche Unterstützer gefunden hatte – vom südafrikanischen Erzbischof Desmond Tutu über den britischen Filmregisseur Ken Loach bis zur amerikanischen Philosophin Judith Butler. Die BDS-Bewegung, die Israel als »Apartheidstaat« wie ehedem Südafrika betrachtet, ruft zu einem umfassenden wirtschaftlichen, politischen, akademischen und künstlerischen Boykott Israels sowie zu einem Investitionsentzug, zu Embargos und Zwangsmaßnahmen auf. Ihre Aktivisten und Unterstützer schreiten dabei mit allerlei Aktionen voran.  

So findet beispielsweise jedes Jahr in über 50 Städten in den USA, Kanada, England, Südafrika und weiteren Ländern eine »Israeli Apartheid Week« mit einer Reihe von Kundgebungen und Universitätsveranstaltungen statt. Die größte britische Akademikergewerkschaft University and College Union (UCU) stimmte zudem im Jahr 2010 auf ihrer Hauptversammlung für einen Abbruch der Beziehungen mit Histadrut, dem Dachverband der Gewerkschaften Israels, weil dieser im Januar 2009 den »israelischen Angriff auf Zivilisten in Gaza« unterstützt habe und daher nicht den Namen einer Gewerkschaftsorganisation verdiene. Bereits im Mai 2007 hatte sich die UCU auf einen Boykott akademischer israelischer Einrichtungen verständigt. Zwei dänische Banken beschlossen im Januar 2010, ihre Investitionen aus israelischen Firmen zurückzuziehen, die »eine Rolle bei der Finanzierung und Unterstützung beim Bau der Mauer und der Siedlungen spielen«. Musiker wie der Pink-Floyd-Frontsänger Roger Waters, Elvis Costello und Carlos Santana sagten ihre Konzerte in Israel ab oder riefen dazu auf, keine Konzerte in Israel zu geben. Und die amerikanische Schriftstellerin Alice Walker weigerte sich sogar, ihr mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnetes Buch The Color Purple (Die Farbe Lila) ins Hebräische übersetzen zu lassen.  

All dies soll, wie es auf den Internetseiten der BDS-Kampagne heißt, dazu führen, daß der jüdische Staat die »Besetzung und Kolonisation allen arabischen Landes beendet« und »die Rechte der palästinensischen Flüchtlinge, in ihre Heimat und zu ihrem Eigentum zurückzukehren«, »respektiert, schützt und fördert«. Daß die Bewegung offenläßt, wieviel arabisches Land sie für besetzt und kolonisiert hält – nur die Westbank oder womöglich doch ganz Israel? – , dürfte dabei kein Zufall sein, sondern eine bewußte Entscheidung. Denn auf diese Weise können sich ihr diejenigen, die offiziell eine Zweistaatenlösung befürworten, genauso anschließen wie jene, die »ganz Palästina befreien«, das heißt: Israel zerstören wollen. Und daß man auf dem »Rückkehrrecht« der palästinensischen »Flüchtlinge« beharrt, hat außer ideologischen Gründen auch ganz konkret strategische: Angesichts der Tatsache, daß sich der Flüchtlingsstatus bei den Palästinensern vererbt und die Zahl der Flüchtlinge dadurch von anfänglich etwa 900.000 auf mittlerweile rund fünf Millionen Menschen angewachsen ist (von denen der weitaus größte Teil ja nie in Israel gelebt hat), würde eine »Rückkehr« dieser Menschen die Juden in Israel zu einer Minderheit machen. Israel wäre dann kein jüdischer Staat mehr. Aus diesen Gründen ist sogar der amerikanische Politikwissenschaftler Norman Finkelstein – sonst selbst ein glühender »Antizionist« und eine Galionsfigur der »Israelkritiker« – mit scharfen Worten auf Distanz zur BDSKampagne gegangen. Im Februar dieses Jahres sagte er in einem Interview: »Die BDS-Aktivisten sprechen von einem dreistufigen Plan: Wir wollen ein Ende der Besatzung, das Recht auf Rückkehr und die gleichen Rechte für Araber in Israel. Sie glauben, besonders schlau zu sein. Aber Sie und ich wissen, was das Ergebnis davon sein wird: Es wird kein Israel mehr geben.«  

Denn die BDS-Kampagnen sind ein fester Bestandteil des Kampfes gegen den jüdischen Staat, der an verschiedenen Fronten und mit verschiedenen Waffen geführt wird: mit Attentaten, Bomben und Raketen im Nahen Osten, mit Boykottaktivitäten in Europa und Nordamerika sowie mit vermeintlich humanitären »Friedensflottillen«, die von europäischen »Antizionisten« und vernichtungswilligen Islamisten gemeinsam ins Werk gesetzt werden. Die Antisemiten teilen sich gewissermaßen die Arbeit, um den militärisch bislang überlegenen Gegner zu Fall zu bringen: Während die einen Israel mit physischer Gewalt zuleibe rücken, treiben die anderen die internationale Dämonisierung und Delegitimierung des Judenstaates voran.  

Daß es dabei nicht um das Wohl der Palästinenser geht, zeigt sich bereits daran, daß keiner der BDS-Aktivisten je gegen deren nahezu völlige Entrechtung im Libanon oder gegen die regelmäßigen Gemetzel zwischen der Hamas und der Fatah seine Stimme erhoben hat. Gewalt gegen Palästinenser, die nicht von Israel ausgeübt wird, ist schlicht kein Thema – auch nicht bei »Pax Christi« oder Albrecht Schröter. Im übrigen: Hat man von ihnen jemals Proteste gegen die Raketenangriffe der Hamas und der Hisbollah auf Israel vernommen? Haben sie sich jemals gegen die antisemitischen Haßtiraden des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad gewandt oder vor den Atomplänen Teherans gewarnt? Hat es jemals einen Aufruf von ihnen gegeben, auf den Kauf iranischer Pistazien zu verzichten, oder die Forderung nach einer Kennzeichnungspflicht für iranisches Öl? Natürlich nicht. Und schon deshalb liegt es auf der Hand, daß sich ihre Kampagne nicht »nur« gegen die israelische »Besatzung« richtet, sondern daß das, was früher »Kauft nicht beim Juden!« hieß, heute de facto zur Parole »Kauft nicht beim Judenstaat!« mutiert ist.  

Alex Feuerherdt schrieb in KONKRET 3/12 über eine Studie zum Antisemitismus in Deutschland
 

 

Zurück

Ins Archiv

Ins Archiv der konkret-News geht es hier entlang.