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Dichten nach Auschwitz

26.01.2018 10:00

Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee das Vernichtungslager Auschwitz. In literatur konkret 1997 widmete Hermann L. Gremliza sich der deutschen Nachkriegsliteratur zur Wiedergutmachung der Nation.

I.  

»Noch das äußerste Bewußtsein vom Verhängnis droht zum Geschwätz zu entarten. Kulturkritik findet sich der letzten Stufe der Dialektik von Kultur und Barbarei gegenüber: nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch.«
Theodor W. Adorno, 1951

 

Als diese Sätze erscheinen, wissen die Deutschen von Auschwitz noch nichts und schon nichts mehr. Noch ist Auschwitz nicht das Synonym für die Vernichtung der europäischen Juden, von der sie jüngst heimgekehrt sind, und schon dürfen sie die Tat vergessen, für die Adorno den Namen des Vernichtungslagers nimmt. Im Westen, in der gerade gegründeten Bundesrepublik, wird ein jeder gebraucht für den nächsten Krieg: gegen das Böse im Osten, und als ganz unverzichtbar gilt, wer im Totschlagen geübt ist. Die Lage ist so, daß Max Horkheimer, der in Frankfurt Professor geworden ist, in einem Brief seinen Kollegen Adorno davon abzuhalten sucht, ihm zu folgen: Mehr als einen Juden in seiner Fakultät werde die Universität nicht ertragen.  

Adornos Problem ist seins und das von Jean Améry, Paul Celan und einigen, sehr wenigen, anderen. Das Feuilleton wälzt das ganz andere Problem, ob nämlich die emigrierten Schriftsteller, Thomas Mann allen voran, die ihr Volk in schwerer Zeit im Stich gelassen und vom Feindesland aus gegen ihre Heimat gehetzt haben, überhaupt noch zur deutschen Literatur gezählt werden sollen. Daß fast alle nennenswerten deutschen Autoren aus dem Exil in die DDR gehen (und sogar Thomas Mann dort Ehrungen annimmt), stört diese Presse erst Jahrzehnte später. Damals, als es geschieht, ist es ihr ganz recht.  

Die Jüngeren, und noch ihre besten, plagt eigenes Leid. Sie sind aus dem Krieg zurückgekehrt, als Landser oder Hitlerjungen, die viel mitgemacht und gar nichts verbrochen haben. Was Adorno umtreibt, treibt weder Arno Schmidt noch Böll, Grass, Walser oder Lenz um. Platz eins in der Hitparade dieser Literatur hält im Westen nicht umsonst ein Jahrzehnt lang Borcherts Draußen vor der Tür.
 

II.  

Der Begriff einer nach Auschwitz auferstandenen Kultur ist scheinhaft und widersinnig, und dafür hat jedes Gebilde, das überhaupt noch entsteht, den bitteren Preis zu bezahlen. Weil jedoch die Welt den eigenen Untergang überlebt hat, bedarf sie gleichwohl der Kunst als ihrer bewußtlosen Geschichtsschreibung. Die authentischen Künstler der Gegenwart sind die, in deren Werken das äußerste Grauen nachzittert.«  

Theodor W. Adorno, 1962
 

Es geht nicht, aber weil es dennoch geschieht, kommt es drauf an: wie. Es entstehen 1962 ja auch Essays wie dieser, »Jene zwanziger Jahre« betitelte. Der westdeutsche Dichter teilt sich jetzt auf: in den Schriftsteller, der seine Romane über die karzinogene Welt des kleinen Angestellten oder die Sexualnot des katholischen Kriegsheimkehrers schreibt, und den Unterschriftsteller, der das im Feuilleton erworbene Renommee für die Politik nutzt, indem er seinen Namenszug Aufrufen zur Verbesserung der sozialen Zustände oder der Abwehr staatlicher Zumutungen leiht.  

Ganz ohne Wirkung auf den Beruf bleibt der Ausflug der Branche in die politische Realität aber nicht. Kaum zwanzig Jahre nach der Kapitulation des Deutschen Reichs beginnt in einigen Werken seiner Dichter nun doch das von Adorno angemahnte Grauen nachzuzittern. Walser, Hochhuth, Kipphardt entdecken den Nationalsozialismus. 1965 findet in Frankfurt der Auschwitz-Prozeß statt, dessen Protokolle Peter Weiss zu dem Theaterstück Die Ermittlung montiert. Im Stück, wie im Prozeß, wie überhaupt in jenen späten ersten Wahrnehmungen ist die Vernichtung der Juden nicht zuerst eine deutsche Tat, sondern eine Verfehlung der Menschheit, ihre Ursache bildet nicht die nationale Geschichte und Politik, sondern das Böse, das in uns allen wohnt. Mehr ist in einem Land, dessen Minister, Richter, Verleger allesamt das Hakenkreuz im Knopfloch getragen haben, nicht zu wagen. Warum jetzt immerhin das wenige gewagt wird, steht in Adornos Essay »Engagement«: »Indem noch der Völkermord in engagierter Literatur zum Kulturbesitz wird, fällt es leichter, weiter mitzuspielen in der Kultur, die den Mord gebar.«  

junge dynamische Deutschlehrer, die besten Mitspieler jeder Zeit, bringen in die Schulen, in denen bis dahin neben Schiller, Eichendorff und Rilke am liebsten Carossa und Bergengruen gelesen wurde, nun doch schon Böll, Frisch, sogar Brecht und echt fremdsprachige Ausländer: T. S. Eliot, Baudelaire, Steinbeck, Camus, Ionesco... Allmählich entsteht im Land jener Eindruck westeuropäischer Normalität, die den Vorsitzenden der CSU, Strauß, bald zu der Forderung ermutigen wird, die Deutschen hätten es verdient, nichts mehr von Auschwitz hören zu müssen. Nachdem sie zwanzig Jahre lang schon nichts davon hören wollten und auch nicht gehört hatten.
 

III.  

»Das perennierende Leiden hat soviel Recht auf Ausdruck wie der Gemarterte zu brüllen; darum mag falsch gewesen sein, nach Auschwitz ließe kein Gedicht mehr sich schreiben... Alle Kultur nach Auschwitz, samt der dinglichen Kritik daran, ist Müll.. Wer für Erhaltung der radikal schuldigen und schäbigen Kultur plädiert, macht sich zum Helfershelfer, während, wer der Kultur sich verweigert, unmittelbar die Barbarei befördert, als welche die Kultur sich enthüllte.«  

Theodor W Adorno, 1966
 

Die letzten Tage der Menschheit, in denen Karl Kraus Die letzten Tage der Menschheit schrieb, waren nicht ihre letzten. Die Kugeln des Weltkriegs, der später den Beinamen »der Erste« bekommen mußte, sind, wie Kraus vorhersah, der Menschheit beim einen Ohr hinein- und beim andern Ohr herausgegangen. Die letzten Tage waren die letzten, aber eben noch Tage der Menschheit, zu erklären in deren eigenen Begriffen, zu verfluchen in ihren eigenen Worten. So blieben sie, trotz allem, Objekt, Material, aus dem Kunst (wie eben Kraus' Drama) zu schaffen war, die nicht in ihrem Gegenstand aufgeht und mit ihm verschwindet.  

Auschwitz, die Vernichtung der europäischen Juden, ist ein solches Material nicht. Was da geschah, läßt sich nicht dichten. »Die blutige Realität«, schreibt Adorno, »war nicht jener Geist oder Ungeist, dessen der Geist zu spotten vermöchte.« Der Versuch, Auschwitz einen Namen zu geben wie Kraus dem Weltkrieg einen gegeben hat, endet unvermeidlich in Kunstgewerbe - wie Dan Diners »Zivilisationsbruch«. Es ist da aber keine Zivilisation gebrochen: »Die geschichtlichen Kräfte, welche das Grauen hervorbrachten, stammen aus der Gesellschaftsstruktur an sich. Es sind keine der Oberfläche und viel zu mächtig, als daß es irgendeinem zustünde, sie zu behandeln, als hätte er die Weltgeschichte hinter sich, und die Führer wären tatsächlich die Clowns, deren Gedalber ihre Mordreden nachträglich erst ähnlich wurden« (Adorno).  

Gedanken wie diese hat sich schon in den Siebzigern und Achtzigern keiner gemacht. Deren Diskussionen gingen um Fragen wie die des Vorsitzenden der CDU/CSU im Bundestag und späteren Bundespräsidenten Karl Carstens, ob Heinrich Böll unter dem Pseudonym »Katharina Blüm« um Sympathie mit Terroristen geworben habe. Die höchsten Auflagen erzielte immerzu, ob die Gruppe 47 tagte oder Böll den Nobelpreis erhielt, der schwarzbraune Romanschreiber Heinz Konsalik (weltweit ca. 80 Millionen). Bis heute sind Grass/Walser/Lenz der Firniß auf dem Holz vorm Kopf der deutschen Kultur, das Konsalik heißt. Der gegenteilige, falsche Eindruck entsteht dadurch, daß das Goethe-Institut, wenn es der Vorstellung des neuen Mercedes-Coupés vor New Yorker Anwälten und Zahnärzten etwas Kulturgeräusch beisteuert, lieber aus der Rättin lesen läßt als aus dem Arzt von Stalingrad.
 

IV.  

»Der Satz, nach Auschwitz lasse kein Gedicht mehr sich schreiben, gilt nicht blank, gewiß aber, daß danach, weil es möglich war und bis ins Unabsehbare möglich bleibt, keine heitere Kunst mehr vorgestellt werden kann...«  

Theodor W Adorno, 1967
 

1966, als die Achtundsechziger beginnen, hat Adorno die letzte Hoffnung verloren, die deutschen Dichter könnten sein Problem einmal ernst nehmen. (Max Horkheimer wird wenig später sein letztes Interview einem ehemaligen General der Waffen-SS geben, der beim »Spiegel« das Ressort Geisteswissenschaften leitet.) Die Legende will, daß die Studenten sich gegen ihre Nazi-Eltern erhoben hätten und auf diese Weise zum Protest gegen die Gesellschaft gekommen seien. Aber es geht nicht zuerst gegen die Eltern, sondern gegen die Umerzieher, die kulturlosen Amis, die Nato, den Imperialismus, gegen »die neueste Stimmung im Westen« (Walser). Die Autoren, die in ihrem »Kursbuch« das Ende der Kunst, der Literatur, des Gedichteschreibens ankündigen, haben jetzt keine Zeit mehr für Auschwitz und so Sachen. Sie müssen Vietnam befreien und Springer enteignen. (Zwei durchaus vernünftige Vorsätze, die sie schließlich dadurch erfüllen sollten, daß sie Springer, der Vietnam vom Kommunismus befreien half, Zeilenhonorar abnehmen.)  

Der große Sprung der deutschen Maoisten hilft der Nation aus der Enge der nationalen Geschichte ins offene Gelände der Weltstammtischpolitik. Die radikale Opposition der Studenten belebt aber auch die alte Illusion vom »anderen Deutschland«, dem wahren, besseren, das nur immer unterdrückt werde und genausosehr Opfer des anderen gewesen sei wie die Juden. Dies andere Deutschland, zu dem natürlich alle seine Dichter gehören, darf um die eigenen Opfer trauern, um die politischen und sozialen Gefangenen, die der US-Imperialismus und seine deutschen Vasallen machen. Böll wirbt für Michael (»Bommi«) Baumann, Walser lektoriert Knacki-Tagebücher, und alle lesen Wallraffs Reportagen über den ausgebeuteten kleinen Mann. Gemeinsam gegen rechts.  

Zu Auschwitz verhält sich das bessere Deutschland wie Ulbricht, mit sehr viel weniger Grund. Den ermordeten Kommunisten, auf die es sich beruft, spuckt es bei Bedarf ins Grab. Tucholsky sogar, kein Kommunist, wird vom Herausgeber des »Spiegel«, vom Verleger der »Zeit« und vom Literaturredakteur der »FAZ« als »Totengräber der Weimarer Republik« denunziert, ohne daß ihnen die Dichter des anderen Deutschland die Mitarbeit aufkündigen.  

Bei Gründung der BRD und der DDR besteht die Bevölkerung hüben und drüben zu 90 Prozent aus größeren und kleineren Nazis, die größeren mehr hüben, die kleineren drüben. Am liebsten lesen die Regierenden der DDR die Geschichte der Jahre 1933 bis 1945 als kommunistisches Heldenepos, in dem die deutschen Arbeiter und Bauern durch Mut und Menschlichkeit glänzen. Wir Kommunisten saßen mit den Juden in den KZs, was geht einen Staat, den wir regieren, Auschwitz an? Die Älteren schreiben in der Gewißheit dieser Überzeugung. jüngere, die diese Gewißheit verloren haben, bekommen Schwierigkeiten.
 

V.  

»Ist Affirmation tatsächlich ein Moment von Kunst, so war selbst e sie so wenig je durchaus falsch wie die Kultur, weil sie mißlang, ganz falsch ist. Sie dämmt Barbarei, das Schlimmere, ein; unterdrückt Natur nicht nur, sondern bewahrt sie durch ihre Unterdrückung hindurch; in dem vom Ackerbau entlehnten Begriff der Kultur schwingt das mit.«  

Adorno, 1967
 

Daß nach Auschwitz Gedichte geschrieben wurden, war vielleicht barbarisch. Was da geschrieben wurde, war es in vielen Fällen nicht. Nicht bei Heinrich Böll beispielsweise, dem heute viel belächelten und geschmähten Repräsentanten deutscher Nachkriegsliteratur. Gegen die Gesellschaftsstruktur, aus der die geschichtlichen Kräfte stammen, welche das Grauen hervorbrachten, hat er schon darum nichts vermocht, weil er Gedanken wie diesen nie gedacht hat.  

Es war nicht möglich, die Kapitalherrschaft zu beseitigen, also werden ihre grauenhaften Hervorbringungen möglich bleiben. Gab es darum nichts zu tun? Adorno antwortet erst mit einem entschiedenen Nein, dann mehrfach mit Jein, schließlich mit einem praktischen Hinweis auf Ackerbau und Viehzucht. Viel mehr als einen Appell zu Besonnenheit, Friedfertigkeit und ein wenig Scham hat die deutsche Gegenwartsliteratur zur Bildung der Gesellschaft nicht beigetragen. Adorno hat es schließlich genügt. Es hätte schlimmer kommen können. Es kommt schlimmer:
 

VI.  

»Haben deutsche Künstler in Ost und West etwas zur nationalen Geschichte und Gegenwart zu sagen? Die Deutschen denken wieder über Deutschland nach - und genieren sich nicht.«  

»Der Spiegel«, 1997

 

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