Aktuelles

aboprämie 10-17

To watch this video, you need the latest Flash-Player and active javascript in your browser.

Tomayers Video-Tagebuch

No-Go-Area Deutschland

Filmkritiken

Termine

Aus aktuellem Anlass

Der Weltgeist, der Kohl heißt

19.06.2017 11:00

Anlässlich des Todes Helmut Kohls. Hermann L. Gremliza schrieb in konkret 12/96 über den "ideelen Gesamtkraut"

 

Ich weiß nicht, warum Sie lachen.

Helmut Kohl
 

Was haben sie gelacht, über Birne, den Dorfdeppen in der großen Welt. Sie lachen nicht mehr. Die Spötter von der »Tageszeitung«, die der Kanzler nicht liest, bringen ihm zu seinem Dienstjubiläum eine acht Seiten lange Huldigung dar, die er nicht lesen wird, und der Herausgeber des Nachrichtenmagazins, mit dessen Redakteuren er seit Jahren nicht spricht, streut auf »Helmut Kohls Weg zum Staatskanzler« seine schönsten Stilblüten. Deutsche Intellektuelle sind noch jedem, der schließlich Erfolg hatte, nachgeloffen. Helmut Kohl hat nie verstanden, warum sie über ihn gelacht haben. Und er wird nicht verstehen, warum sie es nicht mehr tun. Nicht mal, wenn ich es ihm und ihnen erkläre.  

Helmut Kohl ist das neue Deutschland in Person, er ist der ideelle Gesamtkraut. In ihm verkörpert sich die neugeborene Weltmacht, mit allem, was sie erträglich, gefährlich und verächtlich macht. Er ist die praktische Negation der Aufklärung, von der die Deutschen sich immer überfordert gefühlt haben. Er denkt nicht, also ist er. Seine allgemein mit Beifall bedachte Erzählung »Ich wollte Deutschlands Einheit«, die er zwei kongenialen Halbalphabeten von der »Bild«-Zeitung ins Mikrophon diktiert hat, handelt davon,  

daß die verantwortliche Gestaltung eines langen Atems der ungebrochenen Sehnsucht bedarf, dieses besonders hohen Gutes bodenständiger deutscher Patrioten, deren bittere Erfahrung mit den Schrecken der Vergangenheit stets mit einem tiefen Gefühl der Genugtuung erfüllen, daß zu der Vision, das ganze Haus Europa wetterfest für die Zukunft zu gestalten, keine politisch verantwortbare Alternative existiert ...  

Jedes Wort eine Platitüde, kein Einfall, kein Ausruf, kein Gedanke zu den nicht völlig belanglosen Ereignissen seiner Kanzlerzeit, der von ihm in Erinnerung bleiben wird, kein alea iacta, kein soleil d’Austerlitz, nicht einmal ein »Die Situation ist da«, nur jener einzigartige Abdominalsatz, daß entscheidend sei, was hinten rauskommt.  

In ihrer Unbeirrbarkeit gebietet seine Absage an jeden Gedanken Respekt. Helmut Kohl ist für Kritik so unerreichbar wie für Witze. Was gestrichen ist, kann nicht durchfallen, und wo kein Gedanke, da kein Denkfehler. Es ist ihm nichts »nachzuweisen«, denn er hat ja – auf fünfhundert Seiten – nichts gesagt. Kohl ist Medium, so einfältig, so schamlos und so dumm wie die Verhältnisse, die sich in ihm verwirklichen und die, da keine anderen mehr vorstellbar scheinen, nicht gerade richtig und wahr, aber doch schön und gut sein müssen. Hegels Weltgeist in Karo einfach.  

Er braucht keine These, keine Antithese und die ganzen dialektichen Gechichten, er hat seine Synthese immer schon parat: Er ist (und ißt) sie. Da streiten sich die Leut herum, wie man die deutsche Vergangenheit loswerden soll. Die einen wollen sie bewältigen, die andern wollen sie rehabilitieren. Kohl rehabilitiert die Geschichte durch Bewältigung, nicht ohne auch die Bewältigung ein bißchen zu rehabilitieren. Er läßt den amerikanischen Präsidenten in Bitburg vor toten SS-Männern trauern, den französischen Präsidenten in Verdun vor toten Hitlersoldaten, und wenn er nach Israel reist, hat er seinen Lieblingsnazi im Gepäck, doch im Bedauern über »die Verbrechen, die in deutschem Namen geschehen sind«, und den Verlust, den die deutsche Kultur durch die Verfolgung ihrer Juden erlitten hat, die Arme, läßt er sich von keinem übertreffen.  

Kohls Vater war nicht in Hitlers Partei (nur in Hitlers Wehrmacht) und also »ein Gegner des Nationalsozialismus«, so daß der Sohn keine Nachhilfe in Antifaschismus braucht, wenn er sich von einem durch Arisierung reich gewordenen Chemiefabrikanten und einigen anderen Nazis den Weg ebnen läßt. Er ist kein Nazi, warum sollte, wer ihn mag, einer sein? Die Deutschen mögen ihn, also sind sie keine Nazis. Das kann nur sein, wer ihn nicht mag: die DDR, die ihm »ein einziges Konzentrationslager« war, und Gorbatschow, den er einen Goebbels nannte, bevor der sich zu Kohl bekehrte.  

»Heute«, nach vierzehn Jahren Kohlscher Abschüttlung der Vergangenheit, »sind die Beziehungen zu Israel gut«, schreibt Rudolf Augstein, nicht ohne mit leisem Tadel hinzuzufügen: »zumal der Kanzler seinen Geldbeutel offenhält« (weil die Juden, wie man von einem Parteifreund des Kanzlers weiß, immer ankommen, wenn sie in deutschen Kassen Geld klimpern hören). Kohl, immerhin, unterscheidet sich von seinem Vorgänger im Amt eines gesamtdeutschen Kanzlers deutlicher als Kohls Zujubler von denen des Führers, auch wenn dem späten Nachfolger, als er 1994 deutsche Truppen zum ersten Mal wieder auf den Champs Elysees marschieren sehen durfte, Tränen in die Augen traten. Daß und wie er diese Differenz verkörpert, hat es möglich gemacht, daß nur eine historische Sekunde nach der Kapitulation der größten kriminellen Vereinigung der Geschichte, der deutschen Wehrmacht, deutsche Soldaten unterm Beifall oder doch mit schweigender Duldung der einst Überfallenen an ihren alten Kriegsschauplätzen aufmarschieren können.  

In den Nationalsozialismus, so stellt sich die Geschichte für den studierten Historiker Kohl dar, sind die Deutschen geraten wie der Hund in den Regen. Als es vorbei war, haben sie sich geschüttelt, bis sie wieder trocken bzw. anständige Demokraten waren. Gegen Auffassungen wie diese läßt sich nicht argumentieren. Man kann lachen oder sie akzeptieren. Die Welt hat sie akzeptiert.  

Je einfacher denken, ist eine gute Gabe Gottes, soll sein Vorbild Adenauer gesagt haben, aber: je garnicht ist noch viel besser. Helmut Kohl hat diese Gabe. Anders als Erhard, Kiesinger und Brandt kann er nicht den Fehler machen, sein Treiben intellektuell begründen zu wollen. Es fehlt ihm dazu die Voraussetzung. Er hält sich deshalb gern an den letzten seiner Vorgänger, Helmut Schmidt, an dessen Notwehrreaktionen, die er repetiert (Kohl: »Diese Halb- und Pseudointellektuellen sind mir vollkommen egal«), und an dessen Hausdenker Karl Popper, der mit seinen Tips bezügl. Moral und bürgerlicher Nutzanwendung zu einem Bonifazius Kiesewetter der Philosophie avanciert ist. Unübersichtliche Verhältnisse, so etwa haben die beiden Schüler ihren Popper verstanden, werden im Nu übersichtlich, wenn man drüber wegsieht.  

»Wir wollen den Sozialismus bekämpfen, zu Lande, zu Wasser und in der Luft«, hat Helmut Kohl 1976 ausgerufen. Das war grober Unfug, alle haben sehr gelacht, und deshalb ist ja auch nichts draus geworden. Nicht einmal die deutschen Unternehmer haben ihn damals ganz ernst genommen, mancher meinte, er könne mit den Sozialisten die besten Geschäfte machen, wenn man sich mit ihnen vertrage. Daß dies der bessere Teil des Kampfes zu Land, zu Wasser und in der Luft war, sollte sich erst viel später und oft zur Überraschung der Geschäftemacher herausstellen.  

Kohl jedenfalls übte schon damals, in der Opposition, neben der Rolle des ideellen Gesamtdeutschen auch die des ideellen Gesamtkapitalisten, die er heute so überzeugend praktiziert, daß er mitunter übereifrige Einzelkapitalisten und sogar ihre Vereine schurigeln kann, ohne das Vertrauen der Klasse zu verlieren. Die deutsche Bourgeoisie weiß, daß ihr jüngster Griff nach der Weltmacht hinter keiner der vorrätigen Charaktermasken bessere Deckung fände als hinter dem ungeheuer dicken, ungeheuer präsenten, ungeheuer bieder und unbeholfen, darum eher gemütlich als gefährlich wirkenden Koloß im Drei-Mann-Zelt.  

Wer der Welt erklärt, welchen Krieg er gegen sie führen will, hat ihn schon verloren. Im Unterschied zu Wilhelm II. und Hitler bietet Helmut Kohl jederzeit die Gewähr, diesen Fehler nicht zu machen. Er hat keine Ahnung, was er sagen könnte. Er tut’s einfach.
 

Zurück

Ins Archiv

Ins Archiv der konkret-News geht es hier entlang.