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„Der Frauenstreik ist auch ein politisches Experiment“

07.03.2017 14:16

 

Für den 8. März rufen Feministinnen aus mehr als 20 Ländern zum Frauenstreik auf. Cinzia Arruzza, Aktivistin und Assistenzprofessorin für Philosophie an der New School for Social Research in New York, hat in den USA den Appell unterzeichnet und ist in der Streikorganisation tätig. konkret sprach mit ihr über den Streik unter den Bedingungen der Prekarisierung der Arbeit und über die Perspektiven eines neuen Feminismus.

 

konkret: Woher kommt die Initiative für den Frauenstreik?

Cinzia Arruzza: Die Initiative kommt ursprünglich von feministischen Gruppen in Polen, die im letzten Herbst einen Streik gegen das Abtreibungsverbot organisiert haben – das war eine erfolgreiche Massenmobilisierung. Zu einer Serie von weiteren Frauenstreiks und Demos rief dann im Oktober die feministische Koalition Ni una menos auf, die anlässlich der zunehmenden Gewalt gegen Frauen in Argentinien entstanden war. Am 25. November letzten Jahres kam es zu einer sehr zahlreichen und internationalen Beteiligung am Tag zur Ächtung von Gewalt gegen Frauen. Allein in Italien gingen mehr als 200.000 Frauen auf die Straße. Schließlich kam man auf die Idee, sich den 8. März als Kampftag wiederanzueignen. Historisch entstanden war er nämlich als internationaler Streik- und Kampftag der arbeitenden Frauen. 

Arbeiter und Arbeiterinnen streiken für höhere Löhne. Was bedeutet die Idee eines Frauenstreiks? Muss man das politische Kampfmittel des Streiks, das so alt wie die Arbeiterklasse selbst ist, jenseits des Lohnverhältnisses neu denken?

Die Arbeitslosenquote ist unter Frauen vergleichsweise hoch. Außerdem sind Frauen am häufigsten in Berufen tätig, in denen ein Streik kaum möglich ist, da sie prekär oder teilzeitbeschäftigt sind. Demzufolge sind diese Frauen selten gewerkschaftlich organisiert. Mit diesen Problemen müssen wir umgehen. Und es stellt sich auch die Frage: Wie sollen Frauen streiken, die eine reproduktive Tätigkeit ausüben, also eine Arbeit, die auf dem Markt unbezahlt ist, aber dennoch in jeder Hinsicht als Arbeit betrachtet werden muss. Das sind Frauen, die nicht streiken können – jedenfalls nicht in einer traditionellen Form.

Wie ist dann ein Frauenstreik überhaupt möglich?

Es gibt unterschiedliche Formen. In Italien hat zum Beispiel die Koalition Non una di meno von den Gewerkschaften einen Generalstreik am 8. März gefordert, um die Teilnahme der arbeitenden Frauen arbeitsrechtlich zu ermöglichen. Vier Gewerkschaften haben dem zugestimmt, so dass es für die Frauen in Italien möglich sein wird, einen effektiven Streik zu führen. In den USA ist das natürlich schwieriger. Eine Alternative ist ein Streik im Bereich der reproduktiven Arbeit - ein Streik, der die Geschlechterrollen in Frage stellt: Den Männern soll die Verantwortung für Pflege- und Reproduktionsarbeit überlassen werden, so dass die Frauen an Demos, Aktionen und Protesten teilnehmen können. Es gibt außerdem die Möglichkeit des Teilzeitstreiks - eines einstündigen Fernbleibens von der Arbeit zum Beispiel - sowie der Organisation einer Protestreihe, eines Boykotts, von Demos, direkten Aktionen und zivilem Ungehorsam. Unser Ziel ist es, mittels möglichst vieler Streikformen möglichst vielen Frauen, die verschiedene soziale Rollen besetzen, die Teilnahme zu ermöglichen.

Eine neue Kampfperspektive, die die Frauen aufgrund ihrer spezifischen Stellung im Produktions- und Reproduktionsprozess eröffnen können?

Richtig. Einerseits macht der Streik deutlich, dass die reproduktive Arbeit eine produktive Tätigkeit ist, obwohl man dafür keinen Lohn bekommt. Anderseits bekommen Frauen die Fragmentierung der Arbeit am deutlichsten zu spüren. Das erschwert es, traditionelle Streikformen der Arbeiterbewegung in die Praxis umzusetzen. Überall sinkt der gewerkschaftliche Organisationsgrad kontinuierlich und vor allem durch die wachsende Prekarisierung wird der Streik am Arbeitsplatz fast unmöglich. Der Frauenstreik ist auch ein politisches Experiment, das sich nicht nur auf Frauen beschränkt, sondern vielmehr in der Komplexität der Arbeitswelt angemessene Formen des politischen Kampfes erprobt. In Europa ist das Phänomen der Prekarisierung tatsächlich so massiv geworden, dass es unumgänglich geworden ist, sich Gedanken darüber zu machen, wie man diesen Sektor organisieren kann.

Was fordert der Streik am 8. März?

Auf internationaler Ebene streikt man gegen die Geschlechtergewalt und für reproduktive Rechte - nicht nur für das auf Abtreibung. Wenn man in den USA zum Beispiel über schwarze Frauen spricht, die ein Kind bekommen möchten, ist häufig etwa der fehlende Zugang zur Gesundheitsversorgung das Problem. Die reproduktiven Rechte müssen beide Aspekte beachten.

Auf nationaler Ebene artikuliert jede Koalition ihre eigenen Forderungen. Eine der interessantesten Perspektiven ist zum Beispiel die der argentinischen Plattform Ni una menos: Hier geht man weit über den traditionellen Diskurs zur männlichen und häuslichen Gewalt hinaus; die kapitalistische Politik wird als eine Form staatlicher Gewalt zur Kontrolle des Frauenkörpers kritisiert. Abbau des Sozialstaats, Prekarisierung der Arbeit und andere Folgen der neoliberalen Austerität produzieren nicht nur eine Verschlechterung der Lebensbedingungen von Frauen - sie bringen Frauen auch um. Es handelt sich um eine ökonomische ebenso wie um eine koloniale und imperialistische Gewalt, die sich auch gegen Migrantinnen richtet.

Viele dieser Forderungen stellten schon die Frauen auf dem „Womens March on Washington“. Obwohl der Marsch - eine der größten Demos in der Geschichte der USA – von der Presse als Protest gegen Trump und den Sexismus präsentiert wurde, forderten die Frauen einen Mindestlohn und einen universellen Zugang zum Sozial-, Gesundheits- und Bildungssystem.

Die feministische Koalition, die wir gerade in den USA aufbauen, geht davon aus, dass die neoliberale Politik der letzten Jahrzehnte - das heißt auch die der Demokraten - zu den Gründen für den Wahlsieg Donald Trumps gezählt werden muss. Das Problem trat nicht erst mit Trump auf. Wir versuchen, einen Feminismus zu entwickeln, der ganz anders ist als der von Hillary Clinton und der sogenannte Lean-in-feminism. Diesem neoliberalen Feminismus liegt im wesentlichen die Idee des individuellen Aufstiegs und der Karrierefrau zu Grunde. Es geht um einen weißen Feminismus der oberen Mittelklasse, der im Laufe der Zeit Millionen Frauen unberücksichtigt gelassen hat. Diese haben ohne Sozialpolitik sowie ohne direkte Intervention gegen die koloniale Gewalt überhaupt keine Chance zum individuellen Aufstieg.

Ist es zu früh, von einer neuen Welle des Feminismus zu reden, die die Kritik am System in den Mittelpunkt stellt, indem sie die Frauenemanzipation als Kapitalismuskritik artikuliert?

Wahrscheinlich ist es dafür zu früh. Wir sind im Laufe des Konstitutionsprozesses eines neuen Feminismus. Es ist nicht sicher, was geschehen wird, positive Signale gibt es aber schon. Die feministische Bewegung, die gerade entsteht, ist eher inklusiv. In den USA haben wir die Frage nach den Transgender-Subjekten betont, um sie in unseren Frauenbegriff mit einzubeziehen. Die Idee ist, mit einem Feminismus zu brechen, der sich in den letzten Jahren nicht nur vom neoliberalen Diskurs überzeugen ließ, sondern zum Beispiel auch von der Islamophobie.

Ein Feminismus, der in Europa eine nationalistische Form annimmt, indem er den Frauenkörper zum ideologischen Kampfplatz zwischen westlichen Werten und Islam verwandelt. Nehmen wir beispielsweise die Rhetorik des Front National oder der AfD (zwei Parteien, an deren Spitze Frauen stehen) einerseits, den Feminismus der deutschen Zeitschrift “Emma” anderseits. Wie kann man vermeiden, in eine solche Falle zu tappen?

Ich würde härtere Worte benutzen, um das zu bezeichnen. Wenn liberale Feministinnen in Frankreich im Namen der Frauenrechte das Burkini-Verbot unterstützen, ist das ein Beleg dafür, dass ein solcher Feminismus sehr leicht zum Komplizen einer rassistischen Politik werden kann. Das Burkini-Verbot hat mit der Befreiung muslimischer Frauen nichts zu tun.

In Deutschland hat sich ein islamfeindlicher „Feminismus“ vor allem nach der Kölner Silvesternacht durchgesetzt.

In den USA ist aufgrund der sehr starken Kultur der Sprach- und Religionsfreiheit das Problem kleiner, denn solche Positionen sind auch für den liberalen Feminismus unvorstellbar. In Europa hingegen ist es nicht mehr möglich, die Dinge nicht beim Namen zu nennen. Man muss deutlich Position beziehen: entweder eine klar antirassistische und antikoloniale oder die der Islamfeindlichkeit. Man könnte dann über die problematische Idee der befreienden weißen Feministinnen diskutieren, in der muslimische Frauen keinen Platz haben. Doch sehr viel einfacher gesagt: Jede Position, die heute in Europa im Namen des Feminismus die Verschärfung der sozialen Ausgrenzung von muslimischen Menschen rechtfertigt, ist Komplize einer rassistischen und kolonialen Politik.

Das ist die Grundvoraussetzung des hier entstehenden Feminismus: Er muss antirassistisch sein, und deswegen muss er sich gegen jede Gesetzgebung wehren, die Einschränkungen der Ausdrucksformen von muslimischen Gemeinschaften fördert. Die Frage der muslimischen Frauen kann nicht von den europäischen Feministinnen gelöst werden. Sie ist vielmehr eine Frage, die nur in einer gemeinsamen Frauenbewegung angesprochen werden kann, um Praktiken, Schlagworte und Forderungen gemeinsam zu beschließen.

Die Linke befindet sich in einer tiefen Krise, und wir beobachten einen rasanten Vormarsch von faschistoiden Bewegungen. Der Feminismus, für den Sie sprechen, bezieht Antifaschismus, Antiautoritarismus und Antikapitalismus mit ein. Kann dieser Feminismus die Basis für eine radikale Politik sein?

Ja. Die feministischen Mobilisierungen der vergangenen Monate waren die einzige Form einer internationalen Koordinierung von sozialen Massenkämpfen - und das nach Jahren, in denen das nicht geschah. Sowohl bezüglich der Inhalte und Praktiken - die horizontal, demokratisch und inklusiv sind - als auch der Kampfformen öffnet gerade diese Bewegung dem Wiederaufbau einer sozialen Linken auf internationaler Ebene Tür und Tor. Aber wie es weitergeht, wird auch von den linken Kräften abhängen: Sie dürfen die Frauenbewegung nicht auf ein sektorales Phänomen reduzieren. Deshalb muss man den noch heute starken Sexismus innerhalb der Linken überwinden. Der Feminismus darf nicht als etwas betrachtet werden, was nur Frauen betrifft.

Interview: Fabio Angelelli

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