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A Man's World

26.10.2017 13:52

Niemals würde er seine ehemaligen Schulfreundinnen gegen ihren Willen begrapschen, behauptet „Bild“-Kolumnist Franz Josef Wagner in seiner Kolumne vom 23.10.2017, denn Franz Josef Wagner ist ein ehrenwerter Mann.

Anders als Harvey Weinstein. Dass den Filmproduzenten inzwischen mehr als 30 Frauen der Vergewaltigung und sexuellen Übergriffe bezichtigten, rief die virale Online-Kampagne #metoo ins Leben: zahlreiche Frauen (und Männer) veröffentlichten unter diesem Hashtag ihre Erfahrungen mit sexueller und sexualisierter Gewalt. Ziel dieser Kampagne ist, wie schon das der #Aufschrei-Aktion von 2014, auf die Omnipräsenz von männlicher Gewalt hinzuweisen, vermeintlich „harmlose“ Übergriffe wie den Klaps auf den Hintern oder das Anstarren in der Öffentlichkeit zu enttrivialisieren, einen Raum zu haben, die eigenen Erfahrungen zu verbalisieren und sich so zumindest partiell der eigenen Opferposition und der damit assoziierten Schamgefühle zu entledigen. Die beteiligten Frauen und alle Menschen, die aus einer heteronormativen Vorstellung tradierter Geschlechterrollen fallen und deswegen Gewalt erfahren haben, können so zumindest virtuell Solidarität erfahren.

Wenn Betroffene sprechen, reagieren (potentielle) Täter in der Regel mit misogyner Abwehr und victim blaming. In der Regel war das Opfer selbst an dem Übergriff schuld, man war sich nicht bewusst, dass  „Nein“ auch Nein heißt, oder die Anklage war erfunden: Es gilt als wahrscheinlicher, dass Frauen eine Vergewaltigung erfinden, als dass Männer eine Vergewaltigung begehen.

Umso überraschender, dass Täter/innen auf die #metoo-Kampagne mit dem Hashtag „itwasme“ reagierten, unter dem sie öffentlich einen Moment kollektiver Katharsis reflektieren. Dabei  scheint der Grat zwischen Reflexion und öffentlicher Inszenierung schmal. Es ist eine Sache, zu realisieren, dass man über Jahrzehnte hinweg aktiver Nutznießer patriarchaler Strukturen war und sich des Körpers einer anderen Person gegen deren Willen bemächtigt hat. Es ist eine andere, sich mit einem Bekennerschreiben vor seinem virtuellen Freundeskreis reinzuwaschen und als „besseren Mann“ zu inszenieren.

Und dann gibt es Männer wie Franz Josef Wagner. Er plädiert für den Hashtag „notme“, für all jene, die niemals einer Frau etwas zuleide tun würden. Was er und unzählige andere Männer ignorieren, ist, dass das hegemoniale Bild von Männlichkeit zwangsläufig mit der Abwertung des Nicht-Männlichen einhergeht, dass, wer Mann sein will, Frauen* Gewalt antun muss.  Wenn diese Gewalt nicht – sei es kulturindustriell oder privat (Stichwort: „Locker Room Talk“) – zelebriert wird, dann wird sie, wie von Wagner und all den anderen „Nice Guys“, schlicht geleugnet. Selbst Weinstein behauptet nach wie vor, es hätte sich um einvernehmlichen Sex gehandelt, wenn er junge Schauspielerinnen mit der Drohung, ihre Karriere zu beenden, zum Oralverkehr zwang. Die heftige Abwehr gegen die #metoo-Postings erklärt sich daraus, dass sie Männer mit einer Täterschaft konfrontieren, die sie gewohnheitsmäßig leugnen oder rechtfertigen. Man will nicht vor Augen geführt bekommen, dass man ganz alltäglich und selbstverständlich sexuelle und sexualisierte Gewalt ausübt und anderen Personen das Leben zur Hölle macht. Es sei denn, man ist einer dieser linksintellektuellen Profeministen, die sich des Beifalls ihrer Filterbubble gewiss sein können.

Leider beweist #metoo auch, dass sich seit dem Aufschrei 2014 nicht viel verändert hat. Die patriarchalen Strukturen, denen und deren Vollstreckern Frauen* immer wieder zum Opfer fallen, haben sich nicht gewandelt.

Die Kampagne #metoo geht vielen auf die Nerven. Das soll sie auch: Sie kratzt an dem kollektiven männlichen Bewusstsein, man habe ein Recht, über den weiblichen Körper zu verfügen.

Veronika Kracher

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